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Der Steuermann geht von Bord

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Walter Stürzl, Geschäftsführer der Bayerischen Seenschifffahrt, bei einem seiner letzten dienstlichen Termine: Gemeinsam mit »Anzeiger«-Redakteurin Caroline Irlinger blickte er auf 25 ereignisreiche Jahre zurück. Am Dienstag geht der 65-Jährige in Pension. Foto: Anzeiger/Fischer

Berchtesgaden – In der Bayerischen Seenschifffahrt geht eine Ära zu Ende: Walter Stürzl – einst Direktor der Staatlichen Seenschifffahrt, seit der Privatisierung im Jahr 1997 Geschäftsführer der Bayerischen Seenschifffahrt – geht zum 1. Juli in Pension. Der gebürtige Niederbayer leitete ein Vierteljahrhundert die Schifffahrten auf den wohl vier bekanntesten Seen Bayerns. Für den »Berchtesgadener Anzeiger« Anlass genug, gemeinsam mit dem scheidenden Geschäftsführer wenige Tage vor dem offiziellen Ende seiner Amtszeit auf Schiffstaufen, Bau von Werftanlagen und die Faszination von Schaufelraddampfern zurückzublicken.


Königssee, Starnberger See, Tegernsee, Ammersee – Walter Stürzl koordinierte in den letzten 25 Jahren vier bayerische Seenschifffahrten. Das Ergebnis seiner Arbeit kann sich sehen lassen: Neubauten von Verwaltungs- und Werkstattgebäuden, Umbauten von bestehenden Werkstätten sowie Entwicklungen verschiedener Werftanlagen (siehe Infokasten).

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Eindrucksvoll ist auch der Schiffspark der Bayerischen Seenschifffahrt. »Die Kunst ist, das richtige Schiff für den richtigen See zu bauen«, so Stürzl. Unter seiner Aufsicht wuchs in den letzten 25 Jahren die Flotte der Bayerischen Seenschifffahrt auf 33 Schiffe an, elf Objekte wurden in seiner Amtszeit neu konstruiert. »Der Schiffsbau ist ein spannender Prozess, gemeinsam mit der Werft haben wir von Grund auf das jeweilige Projekt entwickelt«, blickt der 65-Jährige zufrieden zurück. Welche Komplexität hinter einem Schiffsbau steckt, zeigt alleine der Transport: »War das Schiff fertig, musste es erst einmal wieder für den Transport zu dem jeweiligen See zerlegt werden. Es war oft äußerst kompliziert, die Logistik rund um den Transport ist schon ein eigenes Kapitel wert«, schmunzelt Stürzl.

Eine Leidenschaft für Raddampfer

Jeder der vier Seen hat seine besonderen Schiffe. Während auf dem Königssee die umweltfreundlichen Elektromotorboote jährlich hunderttausende Passagiere transportieren, fahren auf dem Starnberger See und Tegernsee vorwiegend Motorschiffe. Besonders stolz ist der gebürtige Niederbayer aber auf die beiden Raddampfer »Herrsching« (Baujahr 2002) und »Diessen« (Baujahr 2006) auf dem Ammersee. »Die Herausforderung war, die Technik des hydraulischen Antriebs von vor über hundert Jahren auf die heutige Zeit umzuformen.« Das ist Stürzl gelungen. So erfolgreich, dass sich die Schifffahrt Köln-Düsseldorf die ausgearbeitete Technik angeschaut und für ihren Schaufelraddampfer »Goethe« übernommen hat.

»Ein Schiff baut man nicht für sich, sondern für die Gäste«

Krönender Abschluss eines jeden neuen Schiffes war für den Geschäftsführer stets die Schiffstaufe. »Es war eigentlich immer ein richtiges Dorffest; Politiker, Bürger, Gäste – alle waren anwesend, um das neue Schiff zu feiern.« Für Walter Stürzl ein Moment großer Zufriedenheit und Genugtuung: »Ein Schiff baut man nicht für sich, sondern für die Gäste. Wenn es ihnen gefällt, ist das das Optimum.«

Die Schifffahrt war für Stürzl mehr als nur Arbeit; spricht er über die letzten 25 Jahre, ist seine Begeisterung für dieses Metier zu spüren. Vor allem bei Schaufelraddampfern strahlen seine Augen freudig: »Ich könnte stundenlang zusehen, wie sich die Dampfmaschine bewegt«, schwärmt der Diplom-Finanzwirt. So verwundert es auch nicht, dass der scheidende Geschäftsführer am Dienstag in einer nostalgischen Abschiedsfahrt auf dem Schaufelraddampfer »Herrsching« auf dem Ammersee verabschiedet wurde.

Die Bayerische Seenschifffahrt investierte seit 2000 gut 26 Millionen Euro in den Schiffspark. Der Freistaat Bayern ist zwar Gesellschafter und Eigentümer der Grundstücke und Seen, Gelder gibt es aber für die Bayerische Seenschifffahrt trotzdem nicht. »Da wir privatisiert sind, bekommen wir keinen Cent Steuergelder, Investitionen werden alleine über Fahrgeldeinnahmen und Bankdarlehen finanziert.« Zudem zahlt die Seenschifffahrt jährlich etwa 1,1 Millionen Euro Pacht für die Nutzung der vier Seen.

14 Jahre Planung für Zehn-Millionen-Projekt

Die Fertigstellung seines letzten Mammutprojekts wird Walter Stürzl aus dem Ruhestand beobachten. »Am Starnberger See werden im Moment das Verwaltungs- und die Werkstättengebäude für die Schifffahrt, die Schiffsgastronomie und das Institut für Fischerei neu gebaut. Die Planungen dafür begleiteten mich seit 2000.« Das Zehn-Millionen-Projekt soll Ende des Jahres 2014 fertiggestellt werden. Neuer Geschäftsführer der Seenschifffahrt wird dann bereits der ehemalige Berchtesgadener Tourismusdirektor Michael Grießer sein.

Der Bau von Gebäuden und Schiffen war nur ein kleiner Bestandteil des großen Aufgabenfeldes von Walter Stürzl. In der Zentrale am Königssee verwaltete er Personalangelegenheiten für die über 180 Mitarbeiter, klärte rechtliche Fragen, setzte technische Vorgaben um und erstellte aufwendige Stellungnahmen, Bilanzen sowie Wirtschaftspläne für das Bayerische Finanzministerium und seinen derzeitigen Chef, Minister Markus Söder. »Mein Beruf als Steuerberater hat mir dabei unglaublich geholfen.« Mit Finanzen kennt sich Stürzl schon lange aus, vor seiner Zeit bei der Bayerischen Seenschifffahrt hatte er als Finanzbeamter in den Finanzämtern Landau, Landshut und München gearbeitet.

Glücklich stimmt den scheidenden Geschäftsführer, dass er Geburtshelfer von zwei anderen Schifffahrten sein durfte. »Bohinj in Slowenien ist die Partnergemeinde von Ramsau. Da es sich dort auch um eine Nationalparkgemeinde handelt, haben wir 2000 und 2004 zwei Königsseeschiffe runtertransportiert«, blickt Stürzl zufrieden zurück. »Die beiden Schiffe sind immer noch voll im Einsatz; gab es Probleme, ist ein Mechaniker vom Königssee auch schon mal runtergefahren.« Und auch auf dem Reschensee in Südtirol fährt dank der Initiative des Wahl-Berchtesgadeners seit mehreren Jahren ein ehemaliges Motorschiff vom Tegernsee Passagiere über den See. »In der Schifffahrt gibt es kein Konkurrenzdenken, bei Problemen hilft man sich«, so der Vater zweier erwachsener Kinder lobend über die gelungene länderübergreifende Zusammenarbeit.

Trotzdem ist der 65-Jährige froh, nun die Verantwortung abgeben zu können. »Es waren 25 schöne Jahre, ich hatte die vier schönsten Seen Bayerns unter mir, doch jetzt beginnt eine neue Zeit«, freut er sich auf seine Pension. Und auch darauf, dass er nun endlich kein Diensthandy in seiner Freizeit mehr hat. »Der Beruf als Schifffahrts-Geschäftsführer macht nur dann Spaß, wenn man es mit vollem Herzblut macht.« Schmunzelnd denkt er an eine Situation zurück, als er privat mit dem Landauer am Sonntag auf dem Königssee ruderte. »Ich bekam mitten auf dem See einen Anruf der Starnberger Lokalredaktion der Süddeutschen Zeitung, was ich zu dem Schiffsunfall auf dem Ammersee sage. Ich wusste von gar nichts, bin zurückgerudert und sofort zum Ammersee gefahren«, erinnert sich Stürzl, »sowas passiert halt immer am Wochenende.«

Zurück nach Landau an der Isar

Ab Juli muss Walter Stürzl nicht mehr abrupt vom Königssee zum Ammersee, Tegernsee oder Starnberger See eilen. Dann wird er sich voll und ganz mit seiner Frau seinen Hobbys widmen. Radfahren, Volleyballspielen, Lesen und Reisen nach Italien und Frankreich. Sein Zuhause wird jedoch nicht mehr das Schifffahrtshaus am Königssee sein. »Wir haben in unserer alten Heimat in Landau an der Isar ein Haus gekauft und ziehen im August zurück nach Niederbayern.« Die Verbindung nach Berchtesgaden und zum Königssee bleibt aber bestehen. »Wir haben uns hier in den letzten 25 Jahren einen Freundeskreis aufgebaut, wir werden also sicher hin und wieder zurückkommen.« Seine ehrenamtliche Tätigkeit als Handelsrichter beim Landgericht Traunstein und als Jugendschöffe beim Amtsgericht Laufen muss er nach seinem Umzug jedoch schweren Herzens aufgeben.

Verewigt als königlicher Reiter

Die Mitarbeiter und Passagiere der Bayerischen Seenschifffahrt auf dem Starnberger See wird der langjährige Geschäftsführer aber weiterhin begleiten. Für den Schiffssalon der neuen »MS Seeshaupt« fertigte ein Kirchenmaler ein großes Deckengemälde an. In diesem Kunstwerk blickt Walter Stürzl seitdem als königlicher Reiter auf die Gäste herab. Caroline Irlinger