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Dr. Markus Söder: »Den Obersalzberg entmystifizieren«

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Gespannt lauschen (v.l.) Landrat Georg Grabner, Marktbürgermeister Franz Rasp, die Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber und Staatsminister Dr. Markus Söder den Ausführungen von Dr. Axel Drecoll, wissenschaftlicher Leiter der Dokumentation Obersalzberg. (Fotos: Kastner)
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Dr. Axel Drecoll (r.) erläutert Georg Grabner, Franz Rasp, Michaela Kaniber und Markus Söder (v.l.) die geplante Erweiterung der Bunkeranlagen. An dieser Stelle soll ein »Durchstich« erfolgen. Durch den Stollen gelangen die Besucher künftig wieder zurück an den Ausgangspunkt im neuen Ausstellungsgebäude.

Berchtesgaden – Den Scheck hatte er gestern nicht dabei. Doch der bayerische Finanz- und Heimatminister Dr. Markus Söder ließ beim Ortstermin in der Dokumentation Obersalzberg keinen Zweifel daran, dass er die 21,35 Millionen Euro, die der Freistaat in einen Erweiterungsbau investiert, für gerechtfertigt hält. Startschuss für das laut Söder »weltweit beachtete Projekt« soll im kommenden Frühjahr sein, die Fertigstellung ist für das Jahr 2020 geplant.


Söder, der die Pläne gestern Nachmittag zusammen mit Landrat Georg Grabner, der Landtagsabgeordneten Michaela Kaniber, Bürgermeister Franz Rasp und Dr. Axel Drecoll, dem wissenschaftlichen Leiter der Dokumentation Obersalzberg, vorstellte, ging noch einmal auf die Rahmenbedingungen in der Dokumentation ein. Die war bei der Eröffnung im Jahr 1999 für 30 000 bis 40 000 Gäste konzipiert worden. Nun hat sich die Besucherzahl auf rund 170 000 pro Jahr drastisch erhöht, bis zu 1 500 Interessierte drängen sich täglich in den Ausstellungsräumen der Dokumentation.

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»Es freut mich deshalb, dass der Bayerische Landtag nach langer, aber guter Beratung einer Erweiterung zugestimmt hat«, sagte Söder. Er habe sich selbst »intensiv für das Projekt eingesetzt« und nach vielen Gesprächen »die Parlamentarier überzeugt«. Immerhin hatte es zuvor erhebliche Kritik an den massiven Kostensteigerungen auf letztendlich 21,35 Millionen Euro gegeben.

Ausstellungsfläche wird vervierfacht

Die Ausstellungsfläche soll durch einen Neubau auf künftig 1 200 Quadratmeter vervierfacht werden. Darüber hinaus will man die bisherige Dokumentation zu einem Semimar- und Bildungszentrum umbauen. Denn bisher besuchten bereits rund 7 000 Schulklassen die Dokumentation. »Und künftig sollen es noch mehr werden«, versprach Söder. Die Bunkeranlage will man in die Dauerausstellung integrieren, die soll künftig Teil des rund 60 Minuten dauernden Rundgangs werden. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen sei das didaktisch vorteilhaft, zum anderen werde es keine Besucherstaus mehr geben, wenn alle in dieselbe Richtung gehen. »Und wir haben künftig zwei unabhängige barrierefreie Rettungs- und Fluchtwege«, betonte der Staatsminister. Künftig sollen sich bis zu 200 Personen gleichzeitig im Bunker aufhalten können, bislang waren es nur 100.

»Die Ausstellung wird während der Bauzeit größtenteils geöffnet bleiben«, versicherte Minister Söder. Der zeigte sich überzeugt, dass die Bauarbeiten bis zum Jahr 2020 abgeschlossen sein werden. »Schließlich baut hier der Freistaat Bayern und nicht die Stadt Berlin«, sagte Söder und versicherte, dass man »sehr sensibel« bauen werde. So soll das neue Gebäude großteils im Hang verschwinden, nur die Fassade soll sichtbar sein. Im Bunker selbst wird zur Erweiterung lediglich ein mit Geröll verschütteter Stollen freigeräumt.

Scheinwelt und Täterort

»Die neue Dauerausstellung des Instituts für Zeitgeschichte soll auf der Basis neuester Forschungsergebnisse realisiert werden«, versprach Markus Söder. Sie soll die »heile Scheinwelt« am Obersalzberg darstellen und gleichzeitig verdeutlichen, dass der Obersalzberg auch ein Täterort war, an dem furchtbare Verbrechen geplant wurden. Und schließlich widmet sich die Ausstellung dem Obersalzberg als zweitem Regierungssitz. »Der Gegensatz von Scheinwelt und Verbrechen am Obersalzberg soll verdichtet werden«, erklärte der Staatsminister.

»Wir wollen das Projekt mit den Menschen hier vor Ort realisieren«, sagte Söder weiter. Denn schließlich sei die Dokumentation auch für den Tourismusort Berchtesgaden von großer Bedeutung. »Die Region zeigte schon bislang vorbildlich, wie transparent man mit der Geschichte umgehen kann«, lobte der Minister. Deshalb will man an der Aktion »Fundstücke gesucht« festhalten. Benötigt werden vor allem NS-Ausstellungsstücke aus den Jahren 1933 bis 1945. Auch mit den Schulen, wie beispielsweise der Christophorusschule, will man weiterhin zusammenarbeiten.

»Richtige Entscheidung«

»Voller Erwartung« blickt auch Landrat Georg Grabner dem Baubeginn im Frühjahr entgegen. »Die Finanzierung war nicht einfach, aber ich halte die Entscheidung für absolut richtig«, betonte der Landrat und Vorsitzende der Berchtesgadener Landesstiftung, Trägerin der Dokumentation. Kein Verständnis hatte er deshalb für den Vorwurf der Steuergeldverschwendung. Schließlich sei die erste grobe Kostenschätzung noch vor dem Beginn des Architektenwettbewerbs erfolgt. Ziel müsse eine wissenschaftlich fundierte Information sein, »damit so etwas wie im Dritten Reich nicht mehr geschehen kann«. Deshalb sei es wichtig, Kinder und Jugendliche an diesen Lernort zu bringen.

Von einem »Tag der Verantwortung« sprach Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber. Sie erinnerte sich an die »harte Schlacht«, die es zuletzt in den Ausschüssen des Bayerischen Landtags gegeben habe. »Aber wenn man sieht, wie rechtes Gedankengut immer gesellschaftsfähiger wird, dann muss es uns das Geld wert sein«.

Wach gerüttelt werden

»Gut und richtig« sei, was jetzt am Obersalzberg umgesetzt werde, betonte auch Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp. Nur so könne die Erinnerung mit der notwendigen Ernsthaftigkeit erfolgen. Rasp erinnerte auch daran, dass der Gemeinderat die Pläne immer einstimmig unterstützt habe. »Man hat sich hier die Zeit genommen, die ein solches Projekt eben benötigt. Schließlich haben wir keinen zweiten Versuch«. Der Bürgermeister wartet mit Spannung auf die Reaktionen der Besucher nach der Erweiterung. »Mir geht es nach einem Besuch jedenfalls immer schlecht. Aber das muss so sein, um wachgerüttelt zu werden«. Ulli Kastner