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Drei Stunden, drei Gipfel, ein Rekord

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In drei Stunden und zehn Minuten hat der 22-jährige Ramsauer die Watzmann-Überschreitung geschafft.
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Andere gehen, er rennt: Toni Palzer trainiert ganzjährig und meistert unter anderem Wettbewerbe im Skibergsteigen. (Fotos: privat)

Ramsau – Es war eine Woche der Rekorde: Nicht nur Philipp Reiter (siehe Print-Ausgabe des Berchtesgadener Anzeigers), auch der Ramsauer Toni Palzer hat einen Watzmann-Rekord aufgestellt. Der 22-Jährige hat bereits am Mittwoch die Watzmann-Überschreitung mit Start und Ziel an der Wimbachbrücke in drei Stunden und zehn Minuten bewältigt. Alleine, mit nur einem halben Liter Flüssigkeit, einem Handy und ohne Geld.


Es sei eine spontane Aktion gewesen, erzählt Toni Palzer: »Am Mittwoch dachte ich mir, das Wetter passt, also gehe ich die Überschreitung.« Um 7.45 Uhr startete der Ramsauer. Er war bis 2013 jahrelang Bergläufer gewesen und hatte Wettkämpfe für den Leichtathletikverband bestritten. Seine Hauptsportart ist mittlerweile Skibergsteigen, im Sommer Bergradfahren. Bei der Überschreitung ist er fast ununterbrochen gelaufen.

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»Ich bin von der Wimbachbrücke zum Watzmannhaus gelaufen. In 1:25 Stunde war ich am Hocheck« – das sind 2 000 Höhenmeter – »28 Minuten später war ich über die Mittelspitze auf der Südspitze. Nach einer weiteren Stunde und zwölf Minuten war ich von der Südspitze über Wimbachgrieshütte und Wimbachschloss wieder am Ausgangspunkt, der Wimbachbrücke, angelangt.« Die restlichen fünf Minuten »gingen drauf«, als Palzer am Berg seinen Chef getroffen und kurz mit ihm gesprochen hatte, und als er eine bestimmte Quelle suchte, um trinken zu können. Mit diesen drei Stunden und zehn Minuten hat Palzer einen Rekord gebrochen, den er selbst vor drei Jahren aufgestellt hatte. Damals schaffte der Extremsportler die Überschreitung in 3:27 Stunden.

Der bekannte Skibergsteiger wollte den neuen Rekord seit Langem aufstellen. »Ich wusste, unter der Woche sind weniger Bergsteiger unterwegs.« Denn das Überholen der Kletterer, die sich an gefährlichen Stellen sichern, kostet Zeit. Palzer ist zwar einigen begegnet, allerdings hauptsächlich auf den Gipfeln. »Ein paar sind mir untergekommen, allerdings nur an leichten Stellen. Einer hat mir hinterhergerufen, ich sei verantwortungslos.« Der Bergsteiger hatte laut dem Ramsauer einen 20-Kilo-Rucksack auf dem Rücken. »Viele übernachten ja schon auf dem Watzmannhaus und gehen am nächsten Tag weiter.« Diese Berggeher seien verwundert, wenn sie Palzer ohne jegliches Gepäck, nur mit einem halben Liter Flüssigkeit und Handy, auf den Watzmann laufen sehen. »Wenn ich weiß, es hat drei Tage lang schönes Wetter und es gibt keine Gewittergefahr, und auf der Mittelspitz hat es 20 Grad, brauch ich keine Jacke, oder nur eine leichte«, erklärt Palzer. Zudem sei er sich der Gefahr an manchen Stellen durchaus bewusst: »Ich wusste, die ersten dreihundert Höhenmeter unterhalb der Südspitze sind gefährlich. Da wenn man einen falschen Schritt macht, ist es vorbei. Das ist es mir nicht wert. Darum bin ich da vorsichtig abgestiegen.«

Sowohl Philipp Reiter als auch Toni Palzer sagen, sie wüssten, was sie schaffen können und wozu sie körperlich in der Lage sind. Palzer ist seit zwei Jahren Sportsoldat und kann somit von seinem Sport leben: »Ich trainiere 30 Stunden in der Woche.« Auch vor dem Rekord hat der 22-Jährige tagelang trainiert und dabei schon seine Kräfte auf die Probe gestellt: »Daher wusste ich nicht, in welcher Tagesform ich bin.«

Doch die Form passte am Mittwoch. Als er dann nach 53 Minuten Berglauf das Watzmannhaus erreicht hatte, dachte er sich nach eigener Aussage: »Dann muss ich es fast probieren.« Der Sport hinterlässt allerdings schon bei dem jungen Extremsportler seine Spuren: »Ich bin vom Berglauf auf das Bergradfahren umgestiegen, da ich Gelenkprobleme habe. Fünf Stunden am Stück Radfahren ist eben doch gelenkeschonender als fünf Stunden Laufen am Tag.«

Zu der Leichtsinnigkeit seines Unterfangens, ohne ausreichende Getränke, ohne Ausrüstung und ohne Begleitung die Überschreitung zu gehen, sagt Palzer: »Ich tu mich da wahnsinnig leicht, weil ich auch nichts anderes mache. Ich trainiere ja das ganze Jahr über. Meine Einstellung: Schnelligkeit bringt Sicherheit am Berg.« Zudem weiß er über sich selbst, dass er drei Stunden ohne zu trinken laufen kann. »Bei Wettbewerben trinke ich viel mehr. Da habe ich auch Betreuer und Trainer, die mich während der Strecke mit Getränken versorgen.«

Auch, dass er die Aussicht nicht genießen konnte, macht dem Ramsauer nichts: »Ich bin fast jeden Tag in den Berchtesgadener Bergen unterwegs. Wenn ich die Aussicht einmal nicht genieße, ist es nicht schlimm, weil ich sie ja schon gestern genossen habe oder das Gleiche morgen wieder tun kann.«

Für Toni Palzer sind die Watzmann-Überschreitung und die Watzmann-Ostwand Klassiker in den Ostalpen. »Es macht da schon Spaß, zu wissen, dass man dafür den Rekord hält. Außerdem wollte ich es für mich selbst tun«, so der Bergläufer. Sein nächstes Ziel: Er will Philipp Reiters Rekord für die Ostwand brechen. »Philipp und ich werden demnächst den Berchtesgadener Weg der Ostwand gehen. Danach werde ich die Strecke noch ein paar mal gehen und will den Rekord entweder noch heuer oder erst nächstes Jahr anpacken. Je nachdem, wie das Wetter ist«, erklärt Palzer. Der Berchtesgadener Weg sei der schnellste und leichteste Weg der Ostwand, fügt er hinzu.

Aber vor dem Rekordversuch stehen für Palzer andere Dinge an: Der Sportsoldat tritt am 12. September beim Dolomiten-Mann an. Dies ist ein Staffelwettbewerb in Tirol, der aus den Disziplinen Berglauf, Paragleiten, Mountainbiken und Wildwasser-Kajak besteht. Ab Oktober trainiert Toni Palzer für die kommende Saison im Skibergsteigen am Gletscher. Annabelle Voss