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Ein Gebäude mit vielen Überraschungen

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Das Wandbild von Severin Benz. Fotos: privat
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Die Villa Bayer vor der Renovierung, im Winter fotografiert.
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Der ehemalige Speisesaal.
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Seitenansicht der Villa Bayer.

Berchtesgaden - Die Villa Bayer in der Bayerstraße 7 ist, wie so viele Häuser im Markt, eine Hinterlassenschaft der in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts üppig blühenden »Sommerfrische«, die betuchte Leute in die Alpenlandschaft zog, die so anders war, als die gewohnte, heimatliche. Die Villa Bayer, nah an der Straße nach Bad Reichenhall und westlich vom Marktkern gelegen, nennt als Bauherrn den Prager Großkaufmann Josef Bayer, der sich 1874 eine prunkvolle Villa erbauen ließ, obwohl an diesem Platz zu Planungsbeginn bereits die Villa Grüneisengarten stand. Bayers Architekt, der Warschek hieß, ließ zudem vor Baubeginn die Geländestruktur verändern. Dass die Adresse des ehemaligen Bayer-Anwesens auch an der Bayerstraße liegt, geht allerdings nicht auf Josef zurück, sondern auf dessen Tochter Karoline, die nach den Eltern die Villa mit ihrer Familie nutzte und in die Berchtesgadener Annalen als »Wohltäterin« einging.


Der Vorgängerbau übrigens, von seiner Struktur her als Landhaus konzipiert, wurde sorgfältig abgebrochen und in der Salzburger Straße als Villa Max wieder neu errichtet.

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Die Villa Bayer ist ein gutes Zeugnis, davon berichtet auch die noch heute erhaltene und gepflegte aufwendige Innenausstattung, gründerzeitlicher Villenbaukunst. Rein technisch gesehen besteht das Gebäude aus zwei unterschiedlich hohen, in T-Form einander zugeordneten Flügeln. Alle Fassaden sind jeweils anders strukturiert, in Vor- und Anbauten sowie in Fassadeneinzügen konnte der Architekt überbordende Fantasie einsetzen und eine geradezu malerische Asymmetrie erreichen, was sich »oben« fortsetzen durfte in facettenreich gestalteten Satteldächern mit Überständen und aufeinander errichteten Firsten. Prunkvoll sind auch andere Details gestaltet, wie die Fenster mit hölzernen Blendrahmen oder die auf verschiedenen Ebenen und Höhen aus den Fassaden heraustretenden Terrassen und Balkone. Putten, geschuppte Pilaster oder geschweifte Blendrahmen verstärken den Eindruck architektonischer Verspieltheit, die sich nahezu hemmungslos ausleben darf.

Weiterer Schmuck an den Fassaden lässt sich in Fülle finden. Beispielsweise ein Engelskopf und Pflanzenarabesken sowie auch ein Sgraffito von Severin Benz (1834-1898), einem Schweizer Maler, der in späteren Jahren hauptsächlich in München wirkte und dessen Feld hauptsächlich die religiöse Malerei war.

Die größte Terrasse mit dem zentralen Schalenbrunnen an der heutigen Rück- oder auch Straßenseite ist zum einen ein großzügiges Detail des Baues, aber auch schon Teil der nicht unbedingt in Bescheidenheit dümpelnden Parkanlage, die zu Erbauerzeiten wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzeptes war.

Vorausgehende Bauepochen wie die Renaissance wurden am großen Gebäude ebenso zitiert wie typische Bauweisen im benachbarten Salzburg, die allerdings auch schon bei anderen Neubauten in Berchtesgaden gelegentlich als Vorlage gedient hatten. Die Baukosten waren offensichtlich kein sonderlich brisantes Thema für den Bauherrn Josef Bayer.

Im Inneren der einstigen Kaufmannsvilla ist, wohl auch dank der Pflege durch die nachmaligen Besitzer und Bewohner sowie sorgfältiger Restaurierung vieles erhalten geblieben. Auch hier hat Kaufmann Bayer nicht kleckern lassen und einer prunkvolle Ausstattung Raum gegeben. Das Prunkstück ist vermutlich der große ehemalige Speisesaal im Erdgeschoss mit seiner Holzkassettendecke, die Vorgängern des späten 16. Jahrhunderts nachzueifern scheint. Wandvertäfelungen und beinahe protzige Tür- und Fensterumrahmungen und ein mit Schüsselkacheln und Spiegeln ausgestatteter Ofen geben dem Raum zusätzlich ein festliches Gepräge. Aber auch die anderen Räume und das Treppenhaus lassen den zur Schau gestellten Reichtum des Bauherrn noch heute ahnen. Türen, intarsienbesetzte Fußböden und Stuckdekor, dazu an vielen Stellen schmückende Schablonenmalerei lassen auch das Gebäudeinnere in einer fast überladenen Üppigkeit erscheinen.

Nach des Erbauers Hausherrnzeit übernahm wohl Tochter Karoline, die nach ihrer Verheiratung Bosch hieß, das Zepter im Haus.

Offensichtlich verkaufte Karoline Bosch das Anwesen an den Nachbarn, der bereits das Schoenhäusl besaß. Auch die Villa Schoen auf der anderen Seite gehörte der Familie des kaiserlichen Gesandten Wilhelm von Schoen. Die Villa Bayer allerdings war nicht lange in Schoen-Besitz, denn bald taucht der Kaufmann Dr. Wilhelm von Riedemann als neuer Eigner auf. Der Hauptwohnsitz dieses Kaufmanns wird in den Büchern mit Bern und später Davos angegeben.

Eine Veränderung der Situation um das Haus herum »drohte« durch den 1938 beginnenden Ausbau des Hotels »Berchtesgadener Hof« auf der gegenüberliegenden Seite der Reichenhaller Straße. Das bereits 1898 nach dem Entwurf von August Brüchle entstandene Hotel, das anfangs den Namen Kaiserin Augusta Viktoria Kurhaus trug, weil die Gattin Kaiser Wilhelms II. hier weilte, war in den Folgejahren bereits vergrößert worden und sollte nun noblen Gästen geöffnet werden. Die, so war der Plan, vor Verkehrslärm des Gmundberges geschützt werden sollten. Eine Ersatzstraße über das Grundstück der Villa Bayer sollte Abhilfe schaffen. Über ein Viadukt über die Tristramschlucht sollte sie zu den Kasernen und der BDM-Schule (jetzt »Insula«) führen.

Eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde das Anwesen für 70 000 Mark durch die NSDAP gekauft. Der Plan wurde kriegsbedingt aber nicht ausgeführt. »Kriegsdienst« musste die Villa Bayer dennoch leisten, denn ab 1943 wurden in ihr Parteiuniformen eingelagert und in den letzten beiden Kriegsjahren als Lager für Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke des Reichsarbeitsdienstes genutzt.

Nach Kriegsende von den US-Streitkräften beschlagnahmt, kam die Villa Bayer 1947 in das Eigentum des Freistaates Bayern, der es zunächst für Wohnzwecke nutzte, dann aber 1957 das Anwesen an die Firma Steigenberger-Hotelgesellschaft verkaufte. Nach der sogenannten Steigenberger-Affäre kam das Anwesen durch Rückkauf 1971 wieder in den Besitz des Freistaates und in die Verwaltung der Liegenschaftsverwaltung des Finanzamtes.

Zwischenzeitlich drohte der Villa Bayer sogar der Abriss. Die Marktgemeinde beschloss dies schon 1969. Der Neubau eines Finanzamtes an dieser Stelle schwebte dann vor, dann Wohnungen für Staatsbedienstete. Und dann folgte die Kehre. Im Jahre 1978 wurde die Villa in die Denkmalliste aufgenommen, wegen ihrer zeitgeschichtlichen und baukünstlerischen Bedeutung.

In den Jahren 1985 bis 1987 wurde die Anlage hervorragend fachkundig durch das Landbauamt Traunstein restauriert und als Dienstgebäude der Polizei übergeben. Bis dahin war der Hauptsitz der Polizei am Urbanweg in der Stanggaß. Die Villa Bayer ist bis in die Gegenwart das Dienstgebäude der Polizeiinspektion Berchtesgaden. Die damaligen Renovierungskosten lagen bei mehr als 4 Millionen DM. DM