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Eine Wand wird zum Mythos

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Präsentierten die neue Auflage des Klassikers »2 000 Meter Fels« (v.l.): Hubert Heil, Irmgard Schöner-Lenz, Friederike Reinbold und Berti Kastner. (Foto: Merker)

Berchtesgaden – In neunter Auflage ist soeben der Klassiker »2 000 Meter Fels. Die Watzmann-Ostwand und die Geschichte der Bergrettung« von Hellmut Schöner erschienen. Mit zahlreichen Ergänzungen, neuem Bildmaterial und einer bis 2014 weitergeführten Chronik ist das Buch rund um die legendäre Wand auf dem aktuellen Stand. Viele Bergbegeisterte waren am Freitag zur Buchvorstellung ins Museum Schloss Adelsheim gekommen.


»Wenn der Berg ruft, dann kommen alle«, stellte Museumsleiterin Friederike Reinbold bei ihrer Begrüßung angesichts des bis auf den letzten Platz gefüllten Raumes fest. Sie freute sich, dass das Museum auch für andere Themen anziehend ist. »Doch auch die Geschichte der Ostwand ist Teil der Geschichte Berchtesgadens und passt daher wunderbar hierher.«

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Wie das Buch im Verlag entstanden ist, das erklärte Anton Plenk junior. »Das Besondere an diesem Buch ist, dass sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge der Bergsteiger beschrieben werden. Beide liegen eng beieinander«, sagte Anton Plenk. »Das ganze Buch ist authentisch geschrieben und das macht es so lesenswert.«

Eine Initiative von Berti Kastner und Hubert Heil

Über den großen Andrang freute sich auch Irmgard Schöner-Lenz, die Tochter des Autors. »Elf Jahre nach dem Tod meines Vaters und 71 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe halte ich nun die neunte Auflage in den Händen.« Zuerst hatte sie gezögert, gestand sie, als der Verlag an sie herantrat, um eine Neuausgabe zu erstellen. »Ich bin keine Alpinistin wie der Vater und ich habe die Wand nie durchstiegen und werde sie auch nie durchsteigen.« Doch sie hat sich überreden lassen und jetzt sei sie froh darüber. Denn auch sie hat diese Wand in ihren Bann gezogen. »Diese Wand ist ein Mythos.« Ihren größten Dank für die Ergänzungen schuldet sie den beiden Bergrettern Berti Kastner und Hubert Heil. »Ohne die zwei wäre das Buch nicht möglich gewesen.« Beide haben viel zu erzählen, und so sind ihr Wissen, ihre Erfahrung und auch ihr Bildmaterial in die Neuausgabe eingeflossen.

Irmgard Schöner-Lenz erzählte, wie ihr Vater dazu kam, ein Buch über die Ostwand zu schreiben. Ausgangspunkt war ein Artikel, den er anlässlich eines Bergunglücks 1937 über die Wand schreiben sollte. Innerhalb kurzer Zeit hatte er so viel Material gesammelt, dass er den Entschluss fasste, dieses zu einem Buch zusammenzufassen. Akribisch recherchierte er – und 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg, war es dann so weit: Die erste Ausgabe von »2 000 Meter Fels« erschien. »Die Anziehungskraft der längsten Wand der Ostalpen ist gewaltig, ihre Besteigungsgeschichte mit all den Tragödien liest sich spannend wie ein Krimi.« Das erklärt auch die Beliebtheit des Buches.

Es begann mit dem Kederbacher

Einen Überblick über die Besteigungsgeschichte der Ostwand, wie sie ausführlich im Buch dargestellt ist, gab Berti Kastner. Den Anfang bildete natürlich die Erstbesteigung durch Johann Grill, Kederbacher genannt. Gefolgt von der Zweitbesteigung, bei der Johann Punz, der Preisei, wie heute üblich, zur Südspitze aufstieg. Der Kederbacher und der Preisei unternahmen dann auch zusammen die dritte Besteigung. Kastner freute sich, dass von beiden Urenkel anwesend waren. Zu einem tragischen Unglück kam es 1890 bei der vierten Besteigung, bei der der Münchner Christian Schöllhorn auf der nach ihm benannten Platte abstürzte und in die Randkluft zwischen Eis und Fels stürzte. Schöllhorn war das erste der bislang 102 Todesopfer in der Ostwand. Aufgrund des Absturzes wurde die Wand für einheimische Bergführer gesperrt, österreichische und Schweizer Bergführer durften weiter durch die Wand führen. Erst 1909 wurde das Verbot aufgehoben.

Als erste Frau durchstieg Rose Friedmann 1886 die Wand. Im Buch ist ihr beeindruckendes Portrait von Gustav Klimt abgebildet. Das vom Bergsteigen sonnengebräunte Gesicht bildet einen interessanten Kontrast zur eleganten Dame in Schwarz. Es war Ludwig Purtscheller, der das Bergsteigen ohne Bergführer populär machte und den Berchtesgadener Bergführern Umsatzeinbußen bescherte, allerdings der Bergwacht unzählige Einsätze brachte. Spektakulär war die sieben Tage dauernde Rettung zweier Münchner Bergsteiger. »Die Rettung damals musste mit primitivsten Mitteln bewerkstelligt werden«, erzählte Kastner.

Doch selbst nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es noch bis zu einem Tag, bis die Bergwacht über ein Unglück in der Ostwand informiert werden konnte. Wesentliche Verbesserung stellte das Stahlseilgerät dar, mit dem bis zu 400 Meter abgeseilt werden konnte. Heute ist dank der modernen Kommunikationsmittel und des Hubschraubereinsatzes eine schnelle Rettung möglich.

Die Bergrettung

Auf die enorme Entwicklung bei der Bergwacht ging Hubert Heil in seinem Vortrag ein. »Der Hubschrauber brachte die größte Verbesserung für uns Bergwachtler.« Am Anfang waren es Hubschrauber der US-Armee, die bei Einsätzen halfen. Heute sind verschiedene Hubschraubermodelle im Einsatz. »Der Helikopter spart zwar Mühe«, so Heil, »aber für die Bergretter ist jeder Einsatz immer noch gefährlich.«

Es ist dem erzählerischen Stil von Hellmut Schöner zu verdanken, dass das Buch bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Es ist nicht nur spannend, sondern auch schön und in seinen Berg- und Naturbeschreibungen intensiv geschrieben. Lebhaft stellt Schöner die wichtigsten Ereignisse wie die erste Winterbesteigung dar und lässt den Leser bei den Bergrettungen mitfiebern. Das persönlichste Kapitel ist sicher seine Beschreibung der Watzmann-Ostwand in sieben Bildern. Schöner war damit ein besonderes Stück Bergliteratur gelungen.

Chronik bis heute ergänzt

Seine Tochter Irmgard Schöner-Lenz hat die Chronik bis 2014 weitergeführt und Ergänzungen eingearbeitet. So wurden der Austausch der Biwakschachtel, der Watzmann-Ostwand-Torlauf und die Gedenkkapelle auf Kühroint neu aufgenommen. Manches, wie die Biografie von Franz Rasp, wurde ausgeweitet und auch die Durchsteigung im Winter von Hermann Buhl als Training für den Nanga Parbat wird ausführlicher dargestellt. Die teilweise neue Bebilderung ergänzt die neunte Auflage.

»2 000 Meter Fels. Die Watzmann-Ostwand und die Geschichte der Bergrettung« ist im Verlag Plenk erschienen, hat 320 Seiten und kostet 14,95 Euro. Christoph Merker