weather-image
11°

Erinnerungen an den »Führer«

4.3
4.3
Bildtext einblenden
Emma Ponn und Ludwig Schröer haben Adolf Hitler noch am Obersalzberg erlebt. Als Zeitzeugen haben sie nun eng mit dem Institut für Zeitgeschichte zusammengearbeitet. (Foto: Fischer)

Berchtesgaden – So viele Zuschauer waren noch nie bei einer Veranstaltung des Instituts für Zeitgeschichte in Berchtesgaden.


Der Anlass war ein ganz besonderer Film, eine Dokumentation, die im Kongresshaus gezeigt wurde: »Hitler und die Kinder vom Obersalzberg«. In der Premiere berichteten Zeitzeugen von ihrer Jugend, von Begegnungen mit dem »Führer« und von ihrer Wahrnehmung der damaligen Zeit.

Anzeige

Es ist ein Film, der unter die Haut geht. Und den Zuschauer ganz nah ran lässt an jene Menschen, die dabei waren. Zeitzeugen, die von ihren Erfahrungen berichten. Eine Begegnung also mit jenen, die rund um den Obersalzberg wohnten, als dieser zum zweiten Regierungssitz von Adolf Hitler wurde. Das Institut für Zeitgeschichte plant, für ein Folgeprojekt weitere Zeitzeugen zu interviewen.

In der Dokumentation »Hitler und die Kinder vom Obersalzberg« erzählen Berchtesgadener wie Marga Benkert oder der Ramsauer Gerd Bartels von ihren Begegnungen mit Hitler und dessen Gefolge, davon, als der Obersalzberg von 359 Bombern ins Visier genommen wurde, die auf Hiters Domizil zusteuerten und einen Bombenregen zündeten. Der erste und einzige Angriff auf den Obersalzberg.

Marga Benkert, die damals in der Oberau lebte, sagt etwa, dass sie sich damals, als alles noch gut war, mit anderen Kindern an die Straße gestellt hatte und Hitler begegnete. »Du schönes, arisches, deutsches Kind« soll er gesagt haben. Ein Satz, den Marga Benkert nie wieder vergaß.

Der Obersalzberg gilt für Hitler und sein Gefolge als wichtiger Ort, an dem bedeutende Entscheidungen fielen, etwa die Ermordung ungarischer Juden, der aber auch dazu diente, Hitlers Propaganda in die Welt hinauszutragen. Wunderschöne Landschaften als ideologische Kampfzone. Perfekt, um Hitler als volksnahen Menschen in Szene zu setzen.

Hitler beim Kaffeetrinken am Hintersee

Gerd Bartels ist in der Ramsau aufgewachsen, direkt am Hintersee, dort wohnt er auch heute noch. Hitler kam damals immer zum Kaffeetrinken. Bartels sagte dann artig »Grüß Gott« und »Heil, mein Führer«. Er lebte dort am Hintersee ein sorgenfreies Leben, »wir wussten ja nicht, was da sonst alles passierte«, sagt Bartels heute. 1923 war Hitler erstmals auf dem Obersalzberg zu Besuch, fünf Jahre später kaufte er dort den Berghof, seinen zweiten Wohnsitz. 30 Zimmer auf zwei Stockwerken. »Protzig, aber bieder«, heißt es in der Dokumentation. Um Hitlers Pläne auf dem Obersalzberg umzusetzen, dort eine Infrastruktur aufzubauen und sein Gefolge zu beheimaten, wurden alteingesessene Obersalzberger vertrieben.

Franz Stangassinger erinnert sich an einen Tag, als ein Mann zu Besuch bei seinen Großeltern war und ihnen androhte: »Wenn ihr nicht geht, kommt ihr ins KZ.« Die Dokumentation zeigt originale Filmschnipsel von einst, als etwa Hitlers Gutshof gebaut wurde oder der Platterhof, der ursprünglich als Luxushotel geplant war. Christian Benkert, Marga Benkerts Vater, war an den Bauarbeiten am Obersalzberg beteiligt. Er stand in engem Kontakt zur Führungsriege. »Er sprach über seine Arbeit aber recht wenig«, sagt seine Tochter. Nur jene Sonntage, an denen sie mit ihrem Vater und der Mutter bei Besprechungen zu den Bauarbeiten am Obersalzberg war, daran erinnert sich Marga Benkert sehr gut. »Wir Kinder hatten ein Kinderkino. Wir fühlten uns als Privilegierte.«

Einen wesentlichen Beitrag zu Hitlers Popularität dürfte sein Hausfotograf Heinrich Hoffmann geleistet haben. Er war es, der Hitler auf dem Obersalzberg fotografierte. Er wird als »Regisseur der bildlichen Darstellungen im Hinblick auf den Führerkult« beschrieben. Nicht nur Hitlers Pose in Lederhose wurde ein viel gesehenes Bild, auch unzählige weitere. Hitler mit Schäferhunden, Hitler mit lachenden Kindern, Hitler vor einmaligem Bergpanorama auf seiner Terrasse. Die Leute kamen zum Hitler-Schauen auf den Obersalzberg, es gab regelrechte Wallfahrten. Insgesamt seien 4,3 Milliarden Fotos von Hitler in Umlauf gewesen, die von großen Teilen der Bevölkerung gekauft und gesammelt wurden.

»Wir waren leicht zu begeistern«

Herbert Holzer aus Salzburg sagt, dass »wir leicht zu begeistern waren.« Die Beteiligung beim Jungvolk sei für einen Jugendlichen etwas Besonderes gewesen, die Kameradschaft untereinander, das gleichförmige Marschieren. Auch der Berchtesgadener Ludwig Schröer, der mit Bormanns Sohn Martin in die Schule gegangen war und oft mit ihm gespielt hatte, erinnerte sich, dass man »ganz deutlich für das Militär geschult wurde.« Eine langjährige Indoktrinierung fand statt.

Schröer kann sich noch gut daran erinnern, als die Bomber über den Obersalzburg flogen und heftige Explosionen zu hören waren. »Es hat richtig gepoltert«, sagt Marga Benkert. Das Führersperrgebiet wurde dem Boden gleich gemacht. Bald nach dem Krieg begann der Hitler-Tourismus, es setzte eine Hitler-Nostalgie ein. Das Gelände am Obersalzberg wurde populär. So populär, dass man dem Einhalt gebieten wollte. 1952 wurden weite Teile der Gebäudereste auf dem Obersalzberg gesprengt. Kilian Pfeiffer