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Der Präsident des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland, Andreas Trautvetter, ist begeistert, was seine Sportlerinnen und Sportler in Peking geleistet haben. Der ehemalige Spitzenpolitiker glaubt auch fest daran, dass die Königsseer Bahn wieder in Betrieb genommen wird. (Foto: Christian Wechslinger)

BSD-Präsident Andreas Trautvetter zu Olympia und zur Kunsteisbahn am Königssee

Berchtesgaden – Der Präsident des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), Andreas Trautvetter, kommt aus der großen Politik. Nach der Wiedervereinigung zog er 1990 für die nunmehr vereinigte CDU in den ersten Thüringer Landtag ein. Von 1992 bis 1994 war er Thüringer Minister der Staatskanzlei und von 1994 bis 2002 Thüringer Finanzminister, ehe er zum Thüringer Innenminister ernannt wurde. Durch die Kabinettsumbildung 2004 wurde er Minister des aus Abteilungen des Innen-, Finanz- und Wirtschaftsministeriums neu gebildeten Thüringer Ministeriums für Bau und Verkehr. Seit 2004 ist der Thüringer Präsident des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), außerdem des Thüringer Schlitten- und Bobsportverbandes und seit 2010 Mitglied im Präsidium der Fédération Internationale de Bobsleigh et de Tobogganing (IBSF). Politisch ist Andreas Trautvetter als Gemeinderat und durch seine ehrenamtlichen Tätigkeiten gut ausgelastet. Der »Berchtesgadener Anzeiger« sprach mit Trautvetter während eines Besuchs in Berchtesgaden über Olympia und die Kunsteisbahn am Königssee.


Herr Trautvetter, Ihr Verband hat mit 16 Medaillen bei den XXIV. Winterspielen in China einen neuen Rekord aufgestellt und mehr als die Hälfte aller deutschen Medaillen geholt.

Andreas Trautvetter: Ich habe schon voriges Jahr in der vorolympischen Saisonauswertung bei den Weltmeisterschaften mit 14 Medaillen gesagt, dass dieses Ergebnis wohl nicht mehr zu übertreffen ist. Dass unsere Sportlerinnen und Sportler jedoch noch um zwei Medaillen zulegen und dabei neunmal Gold holen, ist grandios. Ich danke allen, die dazu beigetragen haben. In erster Linie den Athletinnen und Athleten, aber auch allen Trainern, Betreuern, Physiotherapeuten und Mannschaftsärzten sowie den Technikern. Wir arbeiten daran, dieses Niveau zu halten, was natürlich sehr schwer sein wird. Unser grundsätzlicher Anspruch bei Großereignissen ist es, in jeder Disziplin eine Sportlerin oder einen Sportler auf das Siegerpodest zu bringen. Das heißt wir möchten mindestens zehn Medaillen erreichen, was wesentlich höher ist als der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) vorgibt. Das ist aber auch unserer Struktur mit unseren vier Leistungszentren in Altenberg, Berchtesgaden, Oberhof und Winterberg geschuldet. Hinzu kommen Stützpunkte in Magdeburg und Potsdam, wo Aktive aus der Leichtathletik für den Bobsport begeistert werden. Wir sind ein kleiner, aber sehr leistungsorientierter Verband, der vom Innenministerium durch Steuergelder sehr gut unterstützt wird.

 

Sie waren selbst nicht in China. Warum?

Trautvetter: Das war für mich relativ schnell entschieden. Die Chinesen haben tolle Wettkämpfe organisiert. Aber wenn ich mich in diesem Land nicht bewegen darf und nur von einer »Blase« in die andere gebracht werde und nicht einmal zu meinen Aktiven kann, weil die ihre eigene Blase hatten, musste ich nicht nach China. So habe ich mir die Spiele im Fernsehen angeschaut und den erfolgreichen Aktiven aus der Ferne gratuliert. Ich hätte ja unseren Sportlerinnen und Sportlern nach ihren Erfolgen nicht einmal persönlich gratulieren können. Bei allem Respekt, wie die Chinesen auch alles perfekt organisiert haben, hatte dies nichts mit dem olympischen Gedanken zu tun, wo sich die Sportler aus aller Welt alle vier Jahre zum größten Ereignis treffen.

 

Bis auf ein paar Ausnahmen ist im Hinblick auf Ansteckungen wenig passiert.

Trautvetter: Wir haben unseren Aktiven sehr viel zugemutet. Sie waren ja schon bei den Weltcups in ihrer Blase. Dann haben wir sie in Kienbaum praktisch kaserniert, dass sie ja keine Kontakte für eine Ansteckung haben. Die Lücke war nur der Transfer nach China. Aber auch das ist gut gegangen.

 

Ihre Trainer waren diese Woche zu einer Auswertung und Planung für die Zukunft in Berchtesgaden.

Trautvetter: Es wurde ausgewertet und man hat die Aufgaben für die nächste Zeit definiert. Dabei ging es nicht nur um die nächste Saison, sondern schon um den Olympiazyklus für die nächsten Jahre. Zudem werden die einzelnen Kader aufgestellt. Corona geschuldet, waren nur die Cheftrainer hier, mit den Landes- und Stützpunkttrainern wurde per Videokonferenz kommuniziert.

 

Die drei letzten Olympischen Winterspiele fanden in Asien statt. 2026 kehrt Olympia mit Cortina nach Europa zurück.

Trautvetter: Ich bin heilfroh über diese Entscheidung. Jetzt kehrt Olympia dorthin zurück, wo der Wintersport zu Hause ist. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) muss künftig andere Entscheidungen treffen. Ich weiß nicht, ob es notwendig ist, immer wieder neue Standorte auszumachen, wo zumeist in eine unberührte Natur eine Infrastruktur gebaut wird.

 

Man könnte doch die Spiele auch in benachbarte Alpenländer vergeben.

Trautvetter: Wenn man die Ressourcen nachhaltig weiter betreiben möchte, muss man regional denken. Die Sportstätten müssen auch nach Olympia genutzt werden. Einige in den letzten Jahrzehnten gebaute Kunsteisbahnen werden kaum oder gar nicht genutzt. Es ist auch zu bedenken, dass die Internationalen Kufensport-Verbände IBSF und FIL die Weltcups auf drei Kontinenten finanzieren müssen. Vor allem die kleinen Nationen können sich das nicht mehr leisten.

 

Wenn wir schon bei Kosten sind: Wie sieht es mit der Bahn am Königssee aus?

Trautvetter: Ich bin mir sicher, die Königsseer Bahn wird eine gute Zukunft haben. Es ist eine Verfahrensweise festgelegt, bei der gewisse Gutachten gemacht werden müssen. Das ist nicht zu kritisieren und ist einzuhalten. Wir brauchen diese Bahn auch für den Nachwuchs. Jeder Jugendliche, der in einem Sportverein groß wird, lernt soziale Kompetenz, Verantwortung, Leistungsbereitschaft, Kameradschaft sowie das Siegen, aber auch das Verlieren. Kein Nachwuchssportler braucht nachher einen Streetworker, der ihn betreut. Unternehmen bestätigen immer wieder, dass ehemalige Leistungssportlerinnen und -sportler leistungsfähiger und zielstrebiger sind. Ich finde ohnehin, dass in der Gesellschaft das Bewusstsein fehlt, wie viele Steuermittel der Sport dem Staat durch seine soziale Verantwortung einspart. Dies ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Den gleichen Effekt haben natürlich Institutionen wie zum Beispiel die Feuerwehr oder kulturelle Einrichtungen.

Wie wird es weitergehen, wenn die Gutachten einen Wiederaufbau der Bahn ermöglichen sollten?

Trautvetter: Es ergibt sich die einmalige Chance, gemeinsame Ressourcen beispielsweise mit der Jennerbahn und der Schifffahrt am Königssee zu schaffen. Man muss überlegen, wie man ein nachhaltiges Energiekonzept für diese Infrastruktur hinbekommt. Wir haben doch in der Nähe mit der Bioenergie Berchtesgadener Land ein gutes Beispiel, die fünf Millionen Kilowattstunden Strom herstellt. Und wir haben in der Region viel Wasser. Und Wasserkraft ist eine nachhaltige Energiequelle.

Woran denken Sie da?

Trautvetter: Der Königsseer Wasserablauf hat im Durchschnitt sieben Kubikmeter Wasser pro Sekunde und beim Wehr (Seeklause) eine Fallhöhe von drei Metern. Wenn ich das theoretisch umrechne in Elektroenergie, könnte der Königssee dort oben etwa 1,5 Millionen Kilowattstunden Strom liefern. Das ist doch eine Energiequelle, worüber sich nachzudenken lohnt, sie zu nutzen, weil sie immer zur Verfügung steht. Ich darf dazu Beispiele anführen: Nachts braucht die Königssee-Schifffahrt Strom, um die Batterien für die Schiffe zu laden. Im Winter braucht die Bahn Energie, im Sommer der Jenner. Darüber hinaus ist die Bahn nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer ein touristischer Anziehungspunkt. Es gilt zu überlegen, wie man ein nachhaltiges Energiekonzept hinbekommt. Die Königsseer Bahn könnte eine der nachhaltigsten Sportstätten in der ganzen Welt werden.

Christian Wechslinger

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