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Eine Raststätte für Leichen

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Dieses Foto zeigt die Villa im Jahr 1910. Darin befand sich eine Fremdenpension, die sogar über eine Zentral-Warmwasser-Heizung verfügte. (Repro: Johannes Schöbinger)

Berchtesgaden – Die Villa Minerva prägt das Bild am Eingang zum Markt Berchtesgaden. Das Bauwerk hat eine interessante Geschichte und ist auch Thema des neuesten Teils von »Berchtesgaden damals und heute«. In dieser Rubrik zeigt der »Berchtesgadener Anzeiger« Gegenüberstellungen von Fotos aus vergangenen Tagen und aus heutiger Zeit.


Wenn man sich mit den baulichen Veränderungen im Ortsbild des Marktes Berchtesgaden beschäftigt, dann ist die Villa Minerva ein markantes Beispiel hierfür. Es waren diesem zu Beginn des Fremdenverkehrs errichteten Gebäude, je nach Sichtweise am Ortseingang beziehungsweise am Ortsende gelegen, nur gute 100 Jahre Dasein beschieden. Erbaut wurde die Villa Minerva im Jahre 1872 von Franz Federmann an der kurz vorher in Maximilianstraße umbenannten Haberlgasse. Er war dort als Bader und Zahnarzt tätig und betrieb in seinem neuen Haus eine Fremdenpension. Das etwas erhöht situierte, durchaus imposant wirkende Bauwerk entsprach von der Architektur gänzlich dem zeitgenössischen Baustil und verfügte sogar über eine kleine Parkanlage. Schon 1910 warb die Hotelpension für den Winterbetrieb und verwies auf die vorhandene Zentral-Warmwasser-Heizung.

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Der Bader Franz Federmann wurde wegen eines 1865 ausgebrochenen Streits um die althergebrachte Leichen- beziehungsweise Totenraststätte vor seinem Grundstück in der Maximilianstraße aktenkundig. Es war damals herkömmliche Sitte, dass Leichen aus der Gemeinde Bischofswiesen vor ihrer Verbringung in den Friedhof bei der Liebfrauenkapelle eingesegnet wurden. Franz Federmann hatte sich beim Königlichen Bezirksamt über diese Unzumutbarkeit beschwert, weil man direkt an seinem Grundstück Halt machte und die Leichen an den Stufen vor seinem Haus deponierte.

Das Königliche Bezirksamt Berchtesgaden wies nach Prüfung die Beschwerde ab und stellte fest, dass niemals beanstandet worden sei, die Leichen wegen ihrer Einsegnung dort zu deponieren. Vor seiner neu errichteten Villa Minerva hatte er sich mit diesem Brauchtum nicht mehr auseinanderzusetzen. Das Hotel Minerva wurde in den 1970er-Jahren abgerissen und das frei gewordene Areal fast ein Vierteljahrhundert als Parkplatz genutzt, bis dann 2013 die Wohnanlage errichtet wurde. Die sogenannte »Berchtesgadener Klagemauer« (Artikel im »Berchtesgadener Anzeiger« vom 1. April 2014) soll demnächst auch bebaut werden. Zumindest verkünden dies die jüngst aufgestellten Werbetafeln.

Johannes Schöbinger

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