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Einheimische Unternehmerfamilie kauft Hotel »Zum Türken«

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Das historisch belastete Hotel »Zum Türken« bleibt weiterhin in einheimischer Hand. Eine Unternehmerfamilie aus Berchtesgaden erwarb kürzlich das Objekt am Obersalzberg. (Fotos: Christian Wechslinger)
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Die Besichtigung der historischen Bunkeranlagen war jahrzehntelang ein Geschäftsmodell beim Hotel »Zum Türken«.

Berchtesgaden – Das Hotel »Zum Türken« am Obersalzberg hat jetzt neue Eigentümer. Eine alteingesessene Unternehmerfamilie aus Berchtesgaden, die vorerst anonym bleiben will, erwarb die geschichtsträchtige Immobilie, in der zur Zeit des Nationalsozialismus der Sicherheitsdienst, SS und Gestapo untergebracht waren.


Kommunalpolitiker und Historiker wollten sich aus Datenschutzgründen nicht zur aktuellen Entwicklung äußern, doch »Anzeiger«-Recherchen lassen auf allgemeine Zufriedenheit schließen. Man hatte stets auf einen verantwortungsvollen Umgang mit dem historisch belasteten Gebäude gehofft, das über die hauseigene Bunkeranlage sogar mit Adolf Hitlers »Berghof« verbunden war. Vor fast einem Jahr hatte Sotheby's International Realty das denkmalgeschützte Hotel für 3,65 Millionen Euro angeboten (wir berichteten). Welche Summe nun tatsächlich für die Immobilie bezahlt wurde, ist nicht bekannt.

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Noch keine genauen Pläne

Die Familie, die das Objekt vor rund zwei Monaten erworben hatte, bestätigte gestern den Ankauf auf Anfrage des »Berchtesgadener Anzeigers«. Weil es noch keine genauen Pläne in puncto Sanierung und künftige Verwendung des Objekts gebe, wolle man aber noch nicht an die Öffentlichkeit gehen. Aus diesem Grund wollte sich auch Marktbürgermeister Franz Rasp zur aktuellen Entwicklung im Hotel »Zum Türken« nicht detailliert äußern. Von ihm gab es nur eine allgemeine Stellungnahme: »Wir werden die weitere Zukunft des Gebäudes konstruktiv begleiten.«

Die Ursprünge des »Zum Türken« gehen bis in das Jahr 1630 zurück. Im Jahre 1911 wurde der Grundstein des heutigen Gebäudes gelegt. 1933 erfolgte dann die »Enteignung«. Betroffen waren aber noch viele andere Anwesen am Obersalzberg. Insgesamt wurde Land von 57 Grundbesitzern, hauptsächlich Bergbauern mit ihren alten Lehen, angekauft oder enteignet. Der Großteil der vorhandenen Bebauung wurde abgetragen, der Charakter des Ortes völlig verändert.

Im ehemaligen Gasthof »Zum Türken« war bis Kriegsende unter anderem der Wachdienst, auch Reichssicherheitsdienst, für den Obersalzberg untergebracht. Angehörige des Reichssicherheitsdienstes waren auch für den Personenschutz Hitlers verantwortlich. Das Gebäude war über eigene Bunkeranlagen auch mit dem sogenannten »Führerbunker« im »Berghof« verbunden.

Rückkauf im Jahr 1949

Bedingt durch die besondere geografische Lage, wurde die ganze Umgebung 1945 bombardiert. Das schwer beschädigte Hotelgebäude konnten Maria Schuster beziehungsweise ihre Tochter Therese Partner im Jahre 1949 vom Land Bayern für 22 000 DM zurückkaufen.

Das »Türken« war ein Ausnahmefall, weil er nach den Bestimmungen des Wiedergutmachungsgesetzes abgehandelt werden konnte. Es sieht den Rückgabeanspruch politisch Verfolgter, religiös Verfolgter oder rassisch Verfolgter vor. Auch wenn der damalige »Türken«-Wirt Karl Schuster NSDAP-Mitglied und einer der ersten Sympathisanten Dietrich Eckarts und Adolf Hitlers am Obersalzberg war, so konnte er dennoch beweisen, später Opposition geleistet zu haben, zumal er auch mehrmals inhaftiert war.

Seit 1958 besteht das Hotel in seiner jetzigen Form und wurde bis Januar 1971 von Therese Partner und anschließend von Ingrid Scharfenberg betrieben. Monika Scharfenberg-Betzien hat 2013 den Betrieb übernommen. Seit einiger Zeit war das Haus allerdings für Gäste geschlossen.

Parallel zum Hotelbetrieb waren stets auch die unter dem Hotel gelegenen Bunkeranlagen zu besichtigen. Den historisch nicht aufbereiteten Bunkertourismus sah man beim Institut für Zeitgeschichte in München schon immer mit Sorge. Für Dr. Sven Keller, wissenschaftlicher Leiter der benachbarten Dokumentation Obersalzberg, war es deshalb wichtig, dass »das Haus in verantwortungsvolle Hände kommt«. Nach »Anzeiger«-Recherchen hatte sich die öffentliche Hand – Freistaat, Landkreis und auch Gemeinde – bereits um einen Ankauf bemüht. Zum Zug kam nun allerdings eine einheimische Familie.

Die öffentliche Handist abgeblitzt

Für Politiker und Historiker war vor allem wichtig, dass hier »keine Wallfahrtsstätte auf dem Obersalzberg entstehen darf«, wie der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, einst betont hatte. Auch das Finanzministerium hatte Anfang letzten Jahres mitgeteilt: »Ein Verkauf der historisch belasteten Liegenschaft sollte nur an verantwortliche Hände erfolgen«. Überlegungen für einen Ankauf durch Gemeinde oder Freistaat waren schon nach dem Bekanntwerden erster Verkaufsabsichten 2013 angestellt worden. Die Eigentümerin war aber bis zuletzt nicht bereit, an die öffentliche Hand zu veräußern.

Auch wenn Freistaat, Landkreis und Gemeinde das Objekt letztendlich nicht erwerben konnten, so scheint man mit der aktuellen Entwicklung dennoch zufrieden zu sein. Immerhin hat man sich keine »Ewiggestrigen« auf den Obersalzberg geholt und die Zukunft des Objekts scheint in die richtigen Bahnen gelenkt worden zu sein.

Ulli Kastner

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