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So sieht das Komplettpaket aus, das man am Bahnhof Berchtesgaden erwerben kann: Das 9-Euro-Ticket, eine passende Schutzhülle und dazu ein aktueller Fahrplan.

Im Nahverkehr ist die Glaskugel gefragt: Einführung des 9-Euro-Tickets stellt ÖPNV vor Herausforderungen – Hohe Nachfrage

Berchtesgaden – Seit Montag kann es tatsächlich gekauft werden, das 9-Euro-Ticket für den Öffentlichen Nahverkehr, das seit Wochen in aller Munde ist. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat nachgefragt an der Verkaufsstelle am Bahnhof und tatsächlich ist die Nachfrage von Anfang an hoch. 49 Stück hat Claus Graßl bis zum späten Nachmittag schon verkauft; jeder bekommt zum bundesweit geltenden Ticket noch eine passende Schutzhülle und einen aktuellen regionalen Fahrplan. Damit kann es losgehen, am 1. Juni, und zwar in allen Bussen und Zügen des Nahverkehrs. 


Was das genau für die Betreiber heißt, ist noch unklar. Fahrgastverbände warnen seit Wochen vor Chaos auf Straße und Schiene. Keiner kann abschätzen, wie viele Menschen dieses Angebot nutzen, das nach dem Willen der Bundesregierung für drei Monate Entlastung in den Geldbeuteln der Bürger schaffen soll. Das Problem dabei: Nicht nur die mögliche Zahl der Fahrgäste lässt die Betreiber rätseln, sondern auch die Frage, wann die Leute fahren wollen.

Begrenzte Kapazitäten in den Zügen

Ein gehöriges Maß an Ratlosigkeit herrscht bei der Bayerischen Regiobahn GmbH (BRB), die die Bahnline Freilassing-Berchtesgaden betreibt. »Wir wissen nicht genau, was auf uns zukommt, sind aber gut vorbereitet und warten die Pfingsttage ab, danach können wir bedarfsbezogen noch nachsteuern«, lässt BRB-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann in einer Pressemitteilung wissen. Logistisch ist dieses Entlastungsangebot für die Bürger bei den ÖPNV-Unternehmen ein Kraftakt: Absprachen mit diversen Verbundpartnern, Umstellung der Automaten, ständige Aktualisierung der Webseite, Beantwortung von Kundenanfragen wegen Abonnements und die Fragen, ob Züge öfter fahren können, ob Zugteile angehängt werden können, sind einige der Punkte, die bereits vor Start des Tickets für jede Menge Arbeit und Kopfzerbrechen sorgten.

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Noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm an Bus- und Bahnsteigen. Das wird sich aller Erwartungen nach am Mittwoch, 1. Juni, ändern; ab da gilt das 9-Euro-Ticket im ÖPNV.

Zusätzliche Kapazitäten wird es dabei nicht geben. »Wir fahren die Züge, die wir haben«, erklärt Arnulf Schuchmann. Wenn allerdings die Bahnsteiglänge für einen weiteren Zugteil zu kurz ist, kann keiner angehängt werden. »Wir können unsere Fahrgäste nicht im Gleisbett aussteigen lassen.« Wenn stark frequentierte Strecken eingleisig sind, keine Ausweichmöglichkeit für die Züge besteht, kann nicht in kürzeren zeitlichen Abständen gefahren werden. Das könnte gerade am Pfingstwochenende ein Problem werden: »Alles wurde geprüft, nachgerechnet und seit Wochen sitzen viele der BRB-Mitarbeiter einen Großteil ihres Arbeitstages über den Auswirkungen des 9-Euro-Tickets.«

Da nur schwer abzuschätzen ist, was an Fahrgastaufkommen in den Zügen erwartet werden kann, rät Schuchmann aufgrund entsprechender Erfahrungen in den Netzen Oberland, Chiemgau-Inntal, Ammersee-Altmühltal und Ostallgäu-Lechfeld, auf Zugfahrten in Spitzenzeiten am Wochenende zu verzichten: Im Großen und Ganzen sind dies die Zeiten zwischen 8 und 10 Uhr sowie zwischen 16 und 18 Uhr. Da das Berchtesgadener Netz erst im Dezember durch die BRB übernommen wurde, gibt es hier für das Unternehmen keine Erfahrungswerte, weswegen vorsichtshalber auf die genannten Zeiten der anderen Netze verwiesen wird. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass die Fahrradplätze in den Zügen sehr schnell besetzt sein werden.

Ponys kosten extra

Dazu gibt es von der BRB noch ein eigens erstelltes Flugblatt, mit durchaus humorigen Tipps für 9-Euro-Kunden: Rucksack statt Bollerwagen; lieber Kleingruppe statt große Herde (sonst wird der Zug zur Sardinenbüchse); Bollerwagen, Haustiere, Ponys und Co. brauchen ein eigenes Ticket, statt nach Neuschwanstein lieber ins Spargelmuseum Schrobenhausen und vieles mehr.

Einigermaßen gespannt ist auch RVO-Niederlassungsleiter Andreas Datz, was ab 1. Juni in seinen Bussen los ist. Grundsätzlich sieht er sich mit seiner Mannschaft gut gerüstet: »Wir haben schon mit der Einführung der Gästekarte 2018/19 viel Erfahrung mit Verstärkerbussen gesammelt. Und wir sind in den Sommermonaten ja immer auf viele Fahrgäste eingestellt.«

Dennoch gibt es auch im Busverkehr einige Unsicherheiten: »Im Sommer ist es im Talkessel im Nahverkehr von Haus aus eng. Und wir wissen ja überhaupt nicht, wann und wo die Leute mit dem 9-Euro-Ticket fahren wollen. Das ist momentan ganz viel Glaskugel.« Eine Garantie, dass jeder auch mit dem gerade gewünschten Bus fahren kann, gibt es da natürlich nicht. Das wird vor allem für die stark frequentierten Linien Richtung Königssee und Hintersee gelten. Die Linie 840 nach Salzburg kann dagegen nicht so ohne Weiteres genutzt werden, weil es sich um grenzüberschreitenden Verkehr handelt und das 9-Euro-Ticket nur in Deutschland gilt; da würde also ein Aufpreis fällig.

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Seit 1998 arbeitet Claus Graßl im ÖPNV-Sektor. Fast 50 der 9-Euro-Tickets hat er zum Verkaufsstart am Montag bis zum späten Nachmittag bereits verkauft, die Nachfrage ist auch am Bahnhof Berchtesgaden groß. Er ist gespannt, wie der erwartete Fahrgastansturm von Bussen und Bahnen bewältigt werden kann. (Fotos: Thomas Jander)

Was auch immer auf die RVO-Busse zukommt, gewisse Puffer sind vorhanden, wie Andreas Datz erklärt: »Im Sommer setzen wir immer schon Gelenkbusse ein, die wir aus Traunstein holen. Wir haben ja nicht mehr Fahrer, aber so können wir größere Kapazitäten fahren.« Grenzen gesetzt sind aber durch den Personalstand, alle Eventualitäten lassen sich nicht abdecken. Allerdings weiß der Fahrdienstleiter, dass seit Corona immer noch circa 30 Prozent der Fahrgäste noch nicht wieder in die Busse zurückgekehrt sind; das gibt also zusätzlich Luft. Ebenso die Pfingst- und Sommerferien, wenn viele Schulfahrten wegfallen: »Aber im Juli könnte es schon eng werden.«

Er selbst hält sehr viel von dem 9-Euro-Ticket: » Das hat schon einen besonderen Charme, wenn man im Nahverkehr mit einer Fahrkarte alles nutzen kann.« Auch wenn ihn beruflich die Idee aus der Hauptstadt ziemlich in Atem gehalten hat: Einen Tag vor Verkaufsstart war es erst möglich, das Ticket auch zu drucken, »bei den Rahmenbedingungen und der Finanzierung sind wir bis vor eineinhalb Wochen noch im Dunkeln getappt«.

Zum 1. Juni geht der Blutdruck des Niederlassungsleiters nicht in die Höhe: »Ich bin schon gespannt, aber nicht nervös. In drei Monaten ist es ja eh wieder vorbei.«

Was ist eigentlich Nahverkehr bei der Bahn?

Gar nicht so leicht zu beantworten ist im Übrigen die Frage, was genau auf den Zugstrecken als ÖPNV gilt. Denn im Auskunftssystem der Deutschen Bahn finden sich zum Beispiel einige Regionalexpress-Verbindungen mit dem expliziten Hinweis, dass das 9-Euro-Ticket da nicht gilt.

Die Regionalexpress-Züge werden von der Deutschen Bahn betrieben, nicht von der BRB. Zuständig ist die DB Fernverkehr, da die Züge nicht nur zwischen Berchtesgaden und Freilassing unterwegs sind, sondern auch darüber hinaus und teilweise als Intercity eingesetzt sind.

Betroffen sind unter anderem die RE 2082, RE 2083, RE 2191 und RE 2192. Ein Regionalexpress gilt zwar grundsätzlich als Nahverkehrszug, allerdings ist bei diesen Zügen in der Online-Auskunft in den Nutzungsbedingungen das 9-Euro-Ticket explizit ausgeschlossen. Einem aufmerksamen Leser des »Berchtesgadener Anzeigers« ist das aufgefallen. Eine entsprechende Anfrage bei der Deutschen Bahn wurde bislang noch nicht beantwortet. Wir werden über das Thema weiter berichten – denn unklar ist auch, wie der Ticketkauf in diesen Fällen gehandhabt wird. Zu Jahresbeginn hat die DB den Fahrkartenverkauf in Fernverkehrszügen abgeschafft.

Und als solche scheinen die Regionalexpressverbindungen zu gelten.

Thomas Jander

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