weather-image

Kramperl zwischen Brauchtum und Kommerz

4.2
4.2
Bildtext einblenden
Die Vertreter der Buttnmandl- und Kramperlbassen im Markt Berchtesgaden machen sich Sorgen um ihr Brauchtum. Sie beklagen die zunehmende Kommerzialisierung des »Laufens« und appellieren an die Vernunft der Zuschauer. (Foto: Kastner)
Bildtext einblenden
Tausende von Zuschauern kommen jedes Jahr zum Kramperllaufen in den Markt Berchtesgaden. Für die Bassen selbst ist der Massenansturm aber kein Grund zur Freude. (Foto: Archiv Wechslinger)

Berchtesgaden – Die Buttnmandl- und Kramperlbassen im Berchtesgadener Land sind stolz auf ihr Brauchtum und freuen sich schon wieder auf den 5. und 6. Dezember, wenn sie die Kinder und Familien in ihren Häusern besuchen. Gerade bei den Bassen im Bereich des Marktes Berchtesgaden ist die Vorfreude aber auch mit der Sorge verbunden, dass aus dem beliebten Brauch nach und nach ein vom Kommerz getragenes Schaulaufen wird. Ihre Befürchtungen und Wünsche formulierten die Vertreter von sieben Berchtesgadener Bassen im Rahmen eines Gesprächs, zu dem der »Berchtesgadener Anzeiger« kürzlich in den Gasthof »Neuhaus« eingeladen hatte.


Diese sieben Bassen demonstrierten im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« Einigkeit: Moakterer Bass, Weinfelder Buttnmandl, Rosenhofer Buttmandl, Ganghofer Buttnmandl, Guin Bass, Kälberstoana Buttmandl, Weissei Bass. In einer schriftlich verfassten Stellungnahme stellten sie die kritische Frage: »Ist das Kramperllaufen im Markt aufgrund zunehmender Vermarktung noch Brauchtum oder schon Event?« Die Bassen beklagen, dass die Situation beim »Laufen« im Markt aufgrund der zunehmenden Zuschauerzahl von Jahr zu Jahr angespannter werde. »Das liegt nicht an den Kramperln, sondern an den teilweise aggressiven Zuschauern«, so die Bassen. Gerade durch die neuen Medien und sozialen Netzwerke würden am 5. und 6. Dezember immer mehr Leute in den Markt strömen.

Anzeige

Lebensgefährliche Situationen

Viele Bassen würden den Markt mittlerweile meiden, weil es teilweise sogar zu lebensgefährlichen Situationen komme. Das reiche von in Brand gesetzten Strohbuttnmandln bis zu von Autos angefahrenen Kramperln. Für verwerflich halten es die Bassen auch, dass einige Unternehmer im wörtlichen Sinn Kapital aus dem Brauch des Kramperllaufens schlagen. »Werbung und Vermarktung haben nichts mit Brauchtum zu tun«, kritisierern die Berchtesgadener Kramperl gemeinsam. Sie weisen darauf hin, dass das »Laufen« einzigartig sei und kein Publikum brauche. Man befürchtet, dass es in Berchtesgaden bald österreichische Verhältnisse geben könnte: mit registrierten Kramperln, die Nummern tragen müssen und nur noch Protagonisten einer Veranstaltung sind.

Ihre Befürchtungen konkretisierten die Bassenvertreter im gemeinsamen Gespräch. »Es ist nicht mehr schön im Markt. Hier musst du dir ständig den Weg frei räumen«, hieß es. Die Leute hätten keinen Respekt mehr vor den Bassen, würden beim Fotografieren kaum mehr den Weg frei geben. Die Rosenhofer haben bereits ihre Konsequenzen aus dem Massenansturm gezogen. Sie laufen erst spät abends ab 22 Uhr durch den inneren Markt.

Viele Bassen haben aber im Markt Kinderbesuche abzustatten, weshalb sie hier schon wesentlich früher erwartet werden. »Wenn du in der Ganghoferstraße eine Stelle anläufst, dann dauert es ein paar Minuten und du bist von Hunderten von Zuschauern umzingelt«, sagt ein Bassenvertreter. Sein Beitrag klingt schon fast resignierend: »Du wirst den Massen einfach nicht mehr Herr.«

»Die Leute werden zum Kramperllaufen herangekarrt«

Zwar wirbt die Berchtesgadener Advent GmbH offiziell nicht mit dem Kramperllaufen, aber die Bassen bezweifeln, dass dies von allen Institutionen so gehandhabt wird. So hat man auf dem Kongresshaus-Parkplatz schon drei Busse mit der Aufschrift »Nikolaus-Reisen« gesichtet. Auch auf den Parkplätzen beim Luitpoldpark stehen an den Kramperltagen Reisebusse aus ganz Deutschland. Die heimischen Kramperl sind sich sicher: »Die Leute werden bewusst zum Kramperllaufen hergekarrt«.

Dabei haben die Bassen durchaus Verständnis für die Belange des Berchtesgadener Advents, den sie für eine gute Sache halten. Doch das Krampellaufen sei halt keine Show, kein Event. Dazu komme das teils aggressive Verhalten einiger Zuschauer: ein Brandbombenangriff auf ein Strohbuttnmandl, eine schwere Augenverletzung bei einem Kramperl nach dem Wurf eines Gegenstands, fliegende Pflastersteine auf eine Kramperlbass, ein anderes Kramperl bekommt heißen Glühwein unter die Loavn gekippt, ein weiteres Kramperl muss ins Krankenhaus, weil ihm ein Auto über den Fuß gefahren ist.

Appell an die Autofahrer

Überhaupt sind viele Autofahrer für die Bassen ein Problem. »Viele Autofahrer wollen es nicht einsehen, wenn sie einmal zwei Minuten warten müssen. Sie fahren dann sehr nah auf, was sehr gefährlich sein kann, weil die Strohbuttnmandl unter ihren Loavn nicht viel sehen«, sagt ein Bassenvertreter. Die Passen appellieren an die Zuschauer, das Auto zum Kramperlschauen lieber am Bahnhof stehen zu lassen.

Dass es am Verhalten der Kramperl selbst in letzter Zeit keine Beanstandungen gegeben hat, wurde ihnen erst kürzlich im Rahmen einer Buttnmandlmoasta-Versammlung im Berchtesgadener Rathaus von der Polizei bestätigt. »Die Aggressivität geht immer vom Publikum aus, das unser Brauchtum als Faschingsveranstaltung versteht«, sagt ein Buttmandlmoasta. Wenn dann noch der Alkohol eine Rolle spiele, werde es gefährlich.

Viel Hoffnung, dass sich der Buttnmandl-Rummel im Markt noch einbremsen lässt, haben die Bassen nicht. Dennoch wollen sie auch im inneren Markt weiter von Haus zu Haus ziehen. Die Begründung ist einfach: »Es geht ja um die Kinder, die nichts dafür können, wo sie wohnen. Es wäre eine Kapitulation, wenn wir diese Häuser nicht mehr anlaufen würden«. Ulli Kastner

- Anzeige -