Knochenarbeit für die Bartgeier-Jungvögel

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Rund vier Kilo: So viel wiegt eine Mahlzeit für die jungen Greifvögel.
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Ulli Brendel hält die Tüte, Berufsjäger Christian Willeitner befüllt mit Gamsfleisch. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Ramsau – Es ist die ideale Zeit, um die Kühltruhen zu füllen. Aber ohne Säge geht das nicht: Vor Christian Willeitner liegen mehrere Stücke einer vor Kurzem erlegten Gams, Vorderläufe, ein Rippenbogen, vor allem Knochenteile. Willeitner ist Berufsjäger im Nationalpark Berchtesgaden. Er bereitet die speziell zusammengestellten Fresspakete vor, die ab Mai an die voraussichtlich drei Bartgeier-Jungen ausgegeben werden. Rund vier Kilo kommen in eine Tüte. Die Greifvögel sind Knochenfresser, sie sollen in vier Monaten im Nationalpark Berchtesgaden im Rahmen eines internationalen Projektes angesiedelt werden.


Das Klausbachhaus liegt im Schnee versunken. Hier hinten in der Ramsau beginnt der Nationalpark Berchtesgaden, Startpunkt für etliche Wanderziele. Ein paar Gehminuten entfernt liegt das Herzstück des Geschehens, die Wildkammer des Reviers Hintersee. Es ist ein kleiner Raum mit Kühleinheit und oftmals Arbeitsplatz von Christian Willeitner. Ob Rotwild, Reh oder Gams – erlegte Stücke werden hier bearbeitet und aufbewahrt. Derzeit liegt der Fokus aber auf den Bartgeiern, die man im Nationalpark Berchtesgaden sehnlichst erwartet. Immerhin sind die Greifvögel neue Mitspieler in luftiger Höhe. »Unsere Adler werden sich gewöhnen müssen«, sagt Ulli Brendel. Der Diplom-Biologe ist stellvertretender Leiter des Nationalparks und einer von drei Leitern für das Bartgeier-Projekt im Park. Erfahrung mit den Tieren hat er seit etlichen Jahren, seitdem er sich mit den Adlern, den Königen der Lüfte, beschäftigt, wie sie im Volksmund genannt werden.

Keine Konkurrenz

Die Bartgeier werden den Adlern zwar nicht in die Quere kommen, die Vögel seien keine Konkurrenz: Adler jagen Lebendtiere, Bartgeier beanspruchen nur die Überreste, das, was übrig bleibt, vor allem Knochen. Dennoch ist Brendel gespannt, wie sich die zwei Greifvögel begegnen werden. Für den Bartgeier könnte es eine »harte Schule« sein, sagt Brendel. »In seltenen Fällen wären Luftkämpfe möglich«, so der stellvertretende Nationalparkchef.

Christian Willeitner hat den Griff der Handsäge mittlerweile fest umschlossen. Ohne Werkzeug geht es nicht. Mit gekonnten Bewegungen dringt er durch den Knochen des Vorderlaufs. Die Schnittflächen müssen glatt sein, die Knochen dürfen nicht splittern, das könnte für die jungen Tiere beim Fressen gefährlich werden. Mit Augenmaß sägt Willeitner etwa zehn Zentimeter große Stücke, die die Bartgeier erhalten, wenn sie im Mai ausgesetzt werden. 100 Tage alt sind sie dann. Die Gams, die Willeitner zerlegt, hat er selbst geschossen, »gar nicht so weit weg von hier«, sagt der Jäger. Und ergänzt: »Wir erlegen die Tiere natürlich nicht für die Geier. Sie bekommen nur das, was für den menschlichen Verzehr ungeeignet ist.« Bartgeier sind Knochenfresser, weiß Ulli Brendel.

Sie bevorzugen vor allem Gebein, nur 20 Prozent seien fleischigere Stücke. Für Jungtiere ist der Fleischanteil wichtig. Weil die jungen Greifvögel noch nicht bereit sind, große Knochen in ihrem Schlund zu versenken, müssen die Mahlzeiten händisch portioniert werden. Die Jungvögel werden hungrig sein. Christian Willeitner hat daher viel zu tun. Der Nationalpark Berchtesgaden und der Landesbund für Vogelschutz haben bereits zwei zusätzliche Kühleinheiten gekauft, um die Knochenpakete einzufrieren und griffbereit zu haben, sobald es losgeht.

Wilde Tiere stehen auf dem Speiseplan

Vier Kilogramm schwer soll eine Portionseinheit sein, die die Greifvogel-Jungen pro Mahlzeit erhalten. Kitze oder Jungwild werden dabei verarbeitet, kein Fallwild, wie Christian Willeitner bestätigt. Auch Schafe oder Ziegen kommen nicht infrage, »sondern Tiere, die den Vögeln auch in freier Natur zur Verfügung stehen würden«. Bartgeier sind dankbare Fresser, mit extrem konzentrierter Magensäure, die Batteriesäure gleichkommt. So können sie die Knochen schnell zersetzen und verwerten.

Neben den schlundgerechten Knochenstücken könne es auch mal ein Gams- oder Rehkopf sein, an dem die jungen Vögel rumhacken können. Frühstück gibt es für die bis zu sieben Kilogramm schweren Vögel vor der Dämmerung. Die Tiere sollen die Fütterung nicht mit Menschen in Verbindung bringen, sagt Brendel. »Sie müssen sich erst mal in ihren Felsnischen zurechtfinden und eingewöhnen.«

Das Bartgeier-Projekt hat für den Nationalpark Berchtesgaden und den Landesbund für Vogelschutz besondere Bedeutung. Den Bartgeier anzusiedeln, hat schon in einigen Alpenregionen geklappt, etwa im Nationalpark Hohe Tauern. Experten von dort unterstützen die Mitarbeiter aus Berchtesgaden mit Erfahrungswerten. Zu Beginn wird das notwendig sein: Denn die Greifvögel sollen tagtäglich beobachtet werden, deren Überwachung soll von Dämmerung zu Dämmerung erfolgen, sagt Greifvogel-Spezialist Brendel. Der Horst ist dabei von einem speziell gewählten Aussichtspunkt einsehbar, ein Team aus rund zehn Personen wird sich um die Versorgung und das Monitoring der Knochenfresser kümmern.

Zudem sollen Mitarbeiter an einem Info-Stand Interessierte mit Bartgeier-Fakten versorgen und – wenn es die Corona-Pandemie schon erlaubt – ihnen selbst den Blick auf die Tiere ermöglichen. Erwartet werden im Nationalpark drei Bartgeier-Junge. Die Neuankömmlinge werden zu Beginn beringt und besendert, zudem werden einzelne Federn der Hand- und Armschwingen nach gewissen Vorgaben gebleicht – zur besseren Identifizierung. »Das ist wie ein Strichcode«, sagt Ulli Brendel. So lassen sich die Tiere, sobald sie nach vier bis sechs Wochen zu fliegen beginnen, jederzeit vom Tal aus betrachtet an der Gefiederfärbung individuell unterscheiden. »Der Code ist alpenweit gültig.«

Nicht nur Nationalpark-Mitarbeiter sollen die Bartgeier im Sichtfeld haben, auch Interessierte können via GPS über das Internet verfolgen, wo sich die Vögel aufhalten. Anfangs, so die Prognose, werden die Tiere noch in der Region bleiben, später dann aber ihr Fluggebiet ausweiten und den Alpenraum erkunden. Erst mit Eintritt der Geschlechtsreife nach rund fünf bis sechs Jahren wäre es möglich, dass Bartgeier in ihre alte Heimat zurückkehren und selbst dort Nachwuchs bekommen.

Die enge Bindung zu den Tieren wollen die Nationalpark-Verantwortlichen schaffen, indem die Tiere Namen erhalten sollen. Bei den Nationalpark-Adlern war das bislang nicht üblich, sagt Ulli Brendel. In einem kürzlich gestarteten Schulprojekt suchen Jugendliche momentan nach geeigneten Bartgeier-Namen. Zeitnah nach Ansiedelung im Mai sollen die Namen verkündet werden.

Kilian Pfeiffer

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