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3,65 Millionen Euro für Obersalzberg-Hotel mit brisanter NS-Geschichte

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Obersalzberg: 3,65 Millionen Euro für Hotel "Zum Türken" mit brisanter NS-Geschichte | Berchtesgaden
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Das Hotel »Zum Türken« liegt nur wenige Meter oberhalb des damaligen »Berghofs« von Adolf Hitler. Das Gebäude soll für 3,65 Millionen Euro verkauft werden. (Fotos: Christian Wechslinger)

Berchtesgaden – Der geplante Verkauf des Hotels »Zum Türken« am Obersalzberg bereitet aktuell vor allem Historikern und Politikern Sorge. Die Angst geht um, dass das historisch belastete Haus, in dem zur Zeit des Nationalsozialismus der Sicherheitsdienst, SS und Gestapo untergebracht waren, in die Hände von »Ewiggestrigen« gelangen könnte.


Sotheby's als weltweit tätiger Makler für Spitzenimmobilien bietet das denkmalgeschützte Haus inklusive Bunkeranlagen für 3,65 Millionen Euro an (zu unserem ersten Bericht vom Donnerstag).

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Das Hotel »Zum Türken« liegt nur wenige Meter oberhalb von Adolf Hitlers damaligem »Berghof«.

Mit Panoramablick auf den Untersberg hatte Hitler dort einst nicht nur Gäste empfangen, sondern auch Entscheidungen über Leben und Tod gefällt. Früher sollen in dem Hotel unter anderem Angehörige des Reichssicherheitsdienstes übernachtet haben – diese waren für den Personenschutz Hitlers verantwortlich.

»Eine Reise durch die Zeit in einer traumhaften Kulisse« – mit diesem Werbeslogan wirbt der Makler auf seiner Homepage für das Objekt. Erwähnt wird die dunkle Vergangenheit des Hotels aber in der darauf folgenden Beschreibung mit keinem Wort. »Die Kunden, die interessiert sind und recherchieren, wissen um die Lage des Objekts«, sagte der Geschäftsführer für Sotheby's in Bayern, Michael Reiss, auf Anfrage. Sotheby's sei mit der Vermarktung national und international beauftragt. Ob es schon Interessenten gibt, blieb offen – man gebe keine Auskunft zu laufenden Aufträgen.

Die Ursprünge des »Zum Türken« gehen bis in das Jahr 1630 zurück. Im Jahre 1911 wurde der Grundstein des heutigen Gebäudes gelegt. 1933 erfolgte dann die »Enteignung«. Betroffen waren aber noch viele andere Anwesen am Obersalzberg. Insgesamt wurde Land von 57 Grundbesitzern, hauptsächlich Bergbauern mit ihren alten Lehen, angekauft oder enteignet. Der Großteil der vorhandenen Bebauung wurde abgetragen, der Charakter des Ortes völlig verändert.

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Hitlerjugend vor dem Haus »Wachenfeld«, dem Vorläufer von Hitlers Berghof. Gleich oberhalb befand sich schon damals das Hotel »Zum Türken«. (Foto: Institut für Zeitgeschichte München−Berlin).

Im ehemaligen Gasthof »Zum Türken« war bis Kriegsende unter anderem der Wachdienst für den Obersalzberg untergebracht. Das Gebäude war über eigene Bunkeranlagen auch mit dem sogenannten »Führerbunker« im »Berghof« verbunden.

Rückkauf nach dem Krieg

Bedingt durch die besondere geografische Lage, wurde die ganze Umgebung 1945 bombardiert. Das schwer beschädigte Hotelgebäude konnten Maria Schuster beziehungsweise ihre Tochter Therese Partner im Jahre 1949 vom Land Bayern für 22.000 DM zurückkaufen.

Das »Türken« war ein Ausnahmefall, weil er nach den Bestimmungen des Wiedergutmachungsgesetzes abgehandelt werden konnte. Es sieht den Rückgabeanspruch politisch Verfolgter, religiös Verfolgter oder rassisch Verfolgter vor. Auch wenn der damalige »Türken«-Wirt Karl Schuster NSDAP-Mitglied und einer der ersten Sympathisanten Dietrich Eckarts und Adolf Hitlers am Obersalzberg war, so konnte er dennoch beweisen, später Opposition geleistet zu haben, zumal er auch mehrmals inhaftiert war.

Seit 1958 besteht das Hotel in seiner jetzigen Form und wurde bis Januar 1971 von Therese Partner und anschließend von Ingrid Scharfenberg betrieben. Monika Scharfenberg-Betzien hat 2013 den Betrieb übernommen. Aktuell ist das Haus allerdings für Gäste geschlossen.

Geschäft mit den Bunkeranlagen

Parallel zum Hotelbetrieb waren stets auch die unter dem Hotel gelegenen Bunkeranlagen zu besichtigen. Auf der Homepage des »Hotel Garni Zum Türken« heißt es noch heute: »Der Besuch der Bunkeranlagen, die genau unter dem Hotel liegen, ist eine direkte Konfrontation mit der deutschen Geschichte. Bei Interesse haben Sie die Möglichkeit, einen Teil der im Zweiten Weltkrieg entstandenen weitverzweigten Bunker- und Verteidigungsanlagen vom Hotel aus zu begehen. Die Bunkerbiografie liegt bei uns aus und kann von Ihnen gern eingesehen werden.«

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Die Besichtigung der historischen Bunkeranlagen war jahrzehntelang ein Geschäftsmodell beim Hotel »Zum Türken«.

Den historisch nicht aufbereiteten Bunkertourismus sah man beim Institut für Zeitgeschichte in München schon immer mit Sorge. »Hier gab es schon öfter mal Skandale«, sagt Dr. Sven Keller, wissenschaftlicher Leiter der benachbarten Dokumentation Obersalzberg. Er weiß von NS-Schmierereien wie Hakenkreuzen an den Wänden. Für Keller ist nun wichtig, dass »das Haus in verantwortungsvolle Hände kommt«. Das könnten private Hände, der Staat oder die Kommune sein. »Wenn die öffentliche Hand es erwerben könnte, würden wir das begrüßen«, betont Keller. »Wir würden dann gerne unsere Expertise einbringen und könnten Tipps geben, wie mit dem Gebäude sinnvoll umzugehen ist«.

Ähnlich äußerte sich in der »PNP« der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller. »Ich sehe das Risiko, dass es in falsche Hände gerät. Deshalb halte ich es für geboten, dass der Freistaat sich das Anwesen sichert«, sagt Freller. »Es darf keine Wallfahrtsstätte auf dem Obersalzberg entstehen.«

In Kontakt mit Gemeinde und Landkreis

Der Freistaat befinde sich in der Angelegenheit in intensivem Kontakt mit der Gemeinde und dem Landkreis, teilte das hierfür zuständige Finanzministerium am Donnerstag mit. »Ein Verkauf der historisch belasteten Liegenschaft sollte nur an verantwortliche Hände erfolgen«, heißt es auch hier. Das weitere Vorgehen werde zwischen den betroffenen öffentlichen Stellen geprüft. »Überlegungen für einen Ankauf durch Gemeinde oder Freistaat wurden schon nach dem Bekanntwerden erster Verkaufsabsichten 2013 angestellt. Die Eigentümerin war und ist bislang aber nicht bereit, an die öffentliche Hand zu veräußern.«

Bürgermeister Franz Rasp ist nach eigenen Worten schon länger mit dem Thema befasst »und mit dem Land Bayern sowie dem Landkreis in ständigem Gespräch«. Zwar gebe es kein Vorkaufsrecht, doch man habe »großes Interesse daran, dass es da oben gut weitergeht«. Mit der bisherigen Eigentümerin, das betont Rasp, habe es jedenfalls keine Probleme gegeben. UK/red

Bisherige Berichterstattung:

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Ehemaliges Wachhäuschen.