Kultur aus der Region

Im »Fasten der Augen« das Heilige neu entdecken

»Oft sieht man etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht«, sagte der deutsche Lyriker Christian Morgenstern. Eine Kunstaktion in der Stiftskirche Berchtesgaden, noch bis zum Samstag zu sehen, knüpft an diese Weisheit an: Fünf Künstler und eine Künstlerin aus der Pfarrgemeinde verhüllten vertraute sakrale Kunstwerke auf unterschiedliche Weise: Christoph Merker, Felicia Däuber, Stefan Rohrmoser, Hannes Stellner, Gustav Starzmann und Peter Karger.

  • Gustav Starzmann schuf das provokativste Kunstwerk: Er umwickelte die Basis von sechs tragenden gotischen Säulen mit schwarzer Plastikfolie. (Foto: Mergenthal)

»Wir haben hier in der Stiftskirche sehr viel aus allen Jahrhunderten«, erklärt Pfarrer Peter Demmelmair. Die Idee sei, durch diese Reduzierung, ein »Fasten der Augen«, den Blick wieder auf das Wesentliche zu lenken. Und an Ostern so manches, das man vorher übersehen hat, mit neuen Augen zu sehen. Die Reaktionen darauf sind kontrovers. »Dem gewohnten Auge kommt manches durchaus hart vor«, räumt Demmelmair ein.

Christoph Merker freut sich über dieses Echo. »Ich finde es schön, wenn das zum Nachdenken und zur Diskussion herausfordert.« Das Grabmal des Propstes Peter Pienzenauer (gestorben 1432) hinter dem inneren Kirchenportal hüllte er in bewegte weiße Stoffbahnen. Zwischen den Falten taucht das Gesicht das Propstes auf: Das Marmorbildnis drückt sich durch den Stoff, ähnlich wie beim Grabtuch von Turin oder dem Schweißtuch der Veronika. »Aus dem Propst wird ein Mensch« hat Merker seine Installation genannt: Ging man vorher achtlos vorbei, entsteht nun eine emotionale Nähe zu diesem Gesicht.

Die Tradition der Verhüllung von Kreuzen und ursprünglich auch von Bildern am Passionssonntag reicht bis zum Frühmittelalter zurück. Das Fastentuch oder Hungertuch vor dem Hochaltar entstand aus dem mehrfach in der Leidensgeschichte erwähnten jüdischen Tempelvorhang. »Wir haben in der Stiftskirche schon seit 60 Jahren ein Fastentuch«, erzählt Demmelmair.

Die Frage, die für den Pfarrer und die Künstler über allem steht, griff Peter Karger in seiner Installation auf: »Quis ut Deus« (Wer ist wie Gott?) steht auf dem mit der Rückseite nach vorne aufgehängten Hungertuch, das so gleich zweierlei verhüllt: einerseits den frühbarocken Marmoraltar, andererseits die Kreuzwegstationen auf der Tuch-Vorderseite. Diese scheinen schemenhaft durch, wie eine Geheimschrift. Über den drei lateinischen Worten komprimierte Karger die senkrechten Linien im gotischen Kirchenraum zu einem Strichcode, der für ihn für die Götter und Statussymbole des materiellen Konsums steht.

Die Frage stellt sich: Wer ist für uns Gott? Dieser Code, der allem in der Welt seinen Stempel aufdrückt? Oder der Namenlose, Unaussprechliche, Unfassbare, Unbegreifliche, der sich jedem Zugriff entzieht? Für die Orgelempore schuf Karger das Pendant dazu mit einer streifenförmig bemalten Folie. Die Verhüllungsaktion soll, wie der Pfarrer im Vorwort der Begleitbroschüre schreibt, »uns neu zu einer 'heiligen Scheu' führen gegenüber allem, was Gott und das Heilige darstellen soll«.

Nicht ganz leicht tut er sich mit der schwarzen Plastikumwicklung von Gustav Starzmann an der Basis von sechs tragenden gotischen Säulen. Wenn man die Augen zukneift, sieht es fast so aus, als würden die Säulen schweben. »Verhüllte Basis« hat Starzmann sein Werk genannt, das viele Fragen aufwirft: Ist die Basis morsch? Können wir die Basis sein? Starzmann griff bewusst zum Plastik, weil dieses Material unsere Zeit dominiert.

Ebenfalls mit Plastik, jedoch durchsichtiger dünner Folie, verwandelte Hannes Stellner zwei Engel an einem Grabmal zu Kokons. Sie erinnern an die Verpuppung der Raupe, die eines Tages als Schmetterling erwacht, eines der stärksten Symbole für die Auferstehung. Veronika Mergenthal

Quelle: Traunsteiner Tagblatt

Artikel bewerten
5.0
5,0 (1 Stimme)
Berchtesgaden
Wappen Berchtesgaden

Fläche: 35,61 km²
Einwohner: 7647 / Stand: 02.01.2012

1. Bürgermeister
Franz Rasp

Anschrift der Verwaltung:
Gemeinde Berchtesgaden
Rathausplatz 1
83471 Berchtesgaden

Telefon: 08652 6006 0
Telefax: 08652 64515

Internet: www.gemeinde.berchtesgaden.de
E-Mail: info(at)gemeinde.berchtesgaden.de

Das Wetter in Berchtesgaden
wolkig
Heute
10°/-6°
wolkig
So
11°/-5°
wolkig
Mo
15°/-2°
Anzeige
Kinoprogramm