weather-image
17°

Umstrittene Rolle in der NS-Zeit: Schwankend zwischen Nähe und Distanz

4.4
4.4
Kardinal Michael von Faulhabers Rolle in der NS-Zeit: Schwankend zwischen Nähe und Distanz
Bildtext einblenden
Dr. Philipp Gahn rekonstruierte den Besuch von Kardinal Faulhaber auf dem Obersalzberg. (Foto: Christoph Merker)

Berchtesgaden – Am 4. November 1936 weilte Kardinal Michael von Faulhaber auf dem Obersalzberg. Sein Gespräch mit Adolf Hitler war Thema in der Reihe »Obersalzberger Gespräch« am Donnerstag im AlpenCongress. Referent war Dr. Philipp Gahn vom Institut für Zeitgeschichte.


In seiner Begrüßung fasste Albert Feiber vom Institut für Zeitgeschichte die unklare Haltung von Kardinal Faulhaber zusammen: »Seine Rolle in der NS-Zeit ist umstritten.« Einerseits hat er das Reichskonkordat befürwortet, andererseits hat Faulhaber schon in den 20er-Jahren vor dem Antisemitismus gewarnt. Außerdem hat er die Enzyklika »Mit brennender Sorge« vorbereitet. Andererseits war er von Hitler beeindruckt und hat ihn als rechtmäßiges Staatsoberhaupt angesehen. Das wird in seinen Aufzeichnungen über sein Treffen mit Hitler auf dem Obersalzburg offensichtlich.

Anzeige

Der Referent dieses »Obersalzberger Gesprächs«, Dr. Philipp Gahn, hat sich intensiv mit Kardinal Faulhaber beschäftigt. Er arbeitet an jenem Forschungsprojekt, das die Tagebücher des Kardinals von München und Freising digital aufbereite.

Seit 2014 werden die Tagebücher, die Faulhaber von 1911 bis 1952 kontinuierlich verfasst hat, digitalisiert und es wird eine kritische Online-Edition erstellt. Die Tagebücher gelten als ein wichtiges Zeitdokument, da der Kardinal viele Gespräche dokumentiert hat, so auch seinen Besuch am Obersalzberg. Eine Schwierigkeit liegt darin, dass Faulhaber die Tagebücher in der heute nicht mehr verwendeten Gabelsberger Kurzschrift verfasst hat und seine Einträge zunächst umgesetzt werden müssen.

Das Treffen zwischen Kardinal Faulhaber und Hitler fand am 4. November 1936 auf dem Obersalzberg statt. Nach dem Treffen hielt Faulhaber das Gespräch im Franziskanerkloster in Berchtesgaden in seinem Tagebuch fest, wo er sich schon am Vormittag nach seiner Anreise aus München frisch gemacht hatte. Diese vier Seiten hat Gahn mit dem streng vertraulichen Bericht verglichen, den Faulhaber für Papst Pius XI. verfasst hat. Aus beiden Quellen konnte der Theologe und Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte den tatsächlichen Gesprächsverlauf weitestgehend rekonstruieren.

In der internationalen Presse fand das Treffen große Beachtung. Es wurde über eine Entspannung spekuliert, aber auch über negative Ergebnisse, da es zwischen den beiden keine gemeinsame Schnittmenge geben würde. »War zwischen den beiden Antagonisten überhaupt eine Verständigung möglich?«, fragte Gahn. Beide waren gegen den Kommunismus und den Liberalismus, doch die Realität war komplizierter gewesen und Faulhaber war zu übermotiviert in das Gespräch gegangen. Seine Motivation und Ziele werden in dem offiziellen Bericht deutlich, doch am Ende liefen sie ins Leere.

Seine uneinheitliche Haltung dem Regime gegenüber liegt vielleicht in seinem Werdegang begründet. Der Weimarer Verfassung stand Faulhaber kritisch gegenüber und auch wenn er kein ausgesprochener Monarchist war, so war er ein Repräsentant der alten Ordnung. Zunächst wurde er von dem NS-Regime als Gegner gesehen und als »Judenkardinal« beschimpft. Doch das Regime erkannte, dass Faulhaber bei der katholischen Bevölkerung sehr einflussreich war und deswegen begann man, seine Worte in ihrem Sinne umzudeuten.

Unglückliche Formulierungen von Faulhaber, zum Beispiel in seinem Fastenbrief von 1933, leisteten dem Vorschub, da er sich dort gegen den Bolschewismus aussprach. Anderseits wendete er sich in seinen Adventspredigten 1933 gegen die NS-Ideologie, was heftige Reaktionen des Regimes auslöste. Er würde damit »die innere Einheit des Volkes gefährden«, wurde ihm vorgeworfen. Sogar Schüsse wurden auf das Besprechungszimmer des Bischöflichen Palais in München abgegeben. Doch für Faulhaber stand fest: »Man soll verhandeln, solange noch ein Funke ist.« Durch das Reichskonkordat kam es zu einer vorübergehenden Entspannung zwischen dem Regime und der Katholischen Kirche.

Allerdings sollte sich Faulhaber über die Dialogbereitschaft von Hitler täuschen. Zwar hatte sich Faulhaber penibel auf den Besuch am Obersalzberg vorbereitet und wollte Fotos von ihm und Hitler oder Fotos von ihm mit »deutschem Gruß« vermeiden, doch dass Rudolf Heß als stummer Beobachter anwesend war, irritierte den Kardinal.

Philipp Gahn arbeitet nun die Unterschiede zwischen dem Tagebuch und dem offiziellen Bericht heraus. Der Kardinal milderte das Bild Hitlers in dem Bericht, verschwieg dessen heftige Ausbrüche und wollte Hitler in einem milden Licht erscheinen lassen. Ihm ging es hauptsächlich darum, die Repressalien des Regimes gegenüber der Katholischen Kirche aufzuheben. Die deutschen Bischöfe konnte Faulhaber aber nicht überzeugen und auch die Reaktionen aus Rom waren verhalten. So bezeichnete der Berliner Bischof Konrad Graf Preysing dies als einen »Saubesuch«.

Faulhaber schätzte Hitler als Staatsmann und zweifelte nicht an dessen grundsätzlicher Ehrlichkeit. Kardinal Faulhaber hatte ein ambivalentes Verhältnis zum Regime, denn für die Enzyklika »Mit brennender Sorge« lieferte er andererseits den Entwurf. Somit bleibt Faulhaber und seine Rolle während der NS-Zeit nach wie vor ohne genaue Positionierung. Durch den Vortrag von Philipp Gahn wurde dieser denkwürdige Besuch auf dem Obersalzberg nun in einen historischen Kontext gesetzt.

Christoph Merker

Mehr aus Berchtesgaden