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»Zu groß, zu teuer und fremdbestimmt«

Berchtesgaden – Eine Olympia-Bewerbung sei nicht durch Umwelt- und Verkehrsargumente zum Scheitern zu bringen, »die eigentliche Abstimmung muss über das Geld stattfinden«. Das glaubt zumindest Stefan Grass, der im Schweizer Graubünden mit einem Bürgerentscheid die dortige Bewerbung zu Fall gebracht hat. Er war zusammen mit weiteren Olympia-Gegnern auf Einladung des NOlympia-Bündnisses nach Berchtesgaden in den »Goldenen Bären« gekommen. Im Rahmen der Diskussion mit Befürworten wurde dann auch darüber gestritten, ob die Kunsteisbahn in Schön-au tatsächlich auch dem Breitensport diene und im Jahr 2022 überhaupt noch olympiatauglich sei.

Im voll besetzten Saal des Gasthauses »Goldener Bär« diskutierten rund 100 Besucher über die Nachteile, die eine Olympiabewerbung ihrer Meinung nach mit sich bringen könnte. Fotos: Anzeiger/Pfeiffer

Grass schilderte ausführlich den Kampf gegen Olympia in seiner Heimat, »22 Ehrenamtliche gegen eine Pro-Lawine auf der anderen Seite, uns wurde schnell klar, dass wir mit einfachen Schlagworten und Botschaften arbeiten müssen, weil die Leute keine Lust haben, sich in die Argumente erst einarbeiten zu müssen«. Daher habe man in der Schweiz drei zentrale Aussagen gewählt: »Zu groß, zu teuer und durch das IOC (Internationales Olympisches Komitee) fremdbestimmt.«

Diese einfachen Aussagen hat nun auch das heimische Olympia-Nein-Bündnis leicht abgeändert übernommen. Für den Schweizer Kampagnenführer steht auch fest, dass die Bevölkerung nicht nur über die Bewerbung, sondern auch über das Budget abgestimmt habe. »Die Menschen haben genau gewusst, dass sie über das eigene Geld entscheiden. Das hat den Nein-Reflex ausgelöst.«

Grass glaubt den Budgets der Veranstalter nicht, weder in der Schweiz, noch in Bayern. So sei in der Schweiz ein Bewerbungsbudget von 30 Millionen Franken vorgesehen gewesen, realistisch wären es wohl 60 Millionen Franken geworden. Dass Olympia den Straßen- und Bahnausbau fördert, war zumindest in der Schweiz durch die Bundesregierung eingedämmt, »der Bund war nüchterner und rechtsstaatlicher als die betroffenen Kantone«.

Die im neuen Bundestag nicht mehr vertretene Grünen-Politikern Viola von Cramon gab zu, »ich war neutral, naiv und unvoreingenommen gegenüber dem Thema Olympia«. Aber als Mitglied im Sportausschuss des Bundestages habe sie in Vancouver und später in Sotschi gesehen, »wie autoritär die Vergabe ist, es geht nicht um den Sport, sondern nur um kommerzielle Interessen«. Die finanziellen Risiken für die Spiele seien ausschließlich beim Steuerzahler, »da habe ich ein massives Problem damit«.

»Grüne Spiele werden immer versprochen«

Dass die Bewerbung Münchens jetzt als »besonders grün« dargestellt wird, ärgert die ehemalige Bundestagsabgeordnete. »Das hab ich auch in Sotschi und anderswo gehört. Irgendeine britische Zertifizierungsagentur bestätigt das immer, aber das ist nicht nachweisbar, was da ökologisch ist.« Auch die Kosten seien »schöngerechnet, damit wir ja sagen«. In Vancouver und auch in London habe es am Ende nur rote Zahlen gegeben.

Kunsteisbahn olympiatauglich?

In der lebhaften Diskussion nahm dann die Kunsteisbahn einen breiten Raum ein. Olympia-Gegner fragten sich, ob die Bahn im Jahr 2022 überhaupt noch olympiatauglich sei, »auch wenn sie erst vor wenigen Jahren für 30 Millionen Euro saniert worden ist«, so Eva Berger aus Bischofswiesen. Sie befürchtet, dass das IOC für 2022 möglicherweise eine modernere Bobbahn fordert.

Thomas Schwab vom Deutschen Bob- und Schlittenverband wies das zurück, »die Bahn ist im Moment die modernste der Welt, ich gehe zu 99 Prozent davon aus, dass sie auch 2022 noch olympiatauglich ist.« Schwab schloss aber nicht aus, dass die eine oder andere technische Anlage erneuert werden müsse. So wird es zum Beispiel eine neue Zufahrt zur Anlage geben, die allerdings nach den Spielen wieder zurückgebaut werden soll.

Die grüne Olympia-Gegnerin von Cramon aus Niedersachsen stellte überhaupt infrage, ob Deutschland vier Bobbahnen brauche. »Normale Sporthallen sind nicht mehr finanzierbar und Hallenbäder werden geschlossen, aber für eine kleine Gruppe an Kadersportlern hält man vier Bobbahnen bereit.« Jetzt platzte Schwab der Kragen, »die Bobfahrer werden hier ja schon fast diskriminiert«. Die Kunsteisbahn in Schönau sei durchaus auch für den Breitensport offen, von rund 30 000 Abfahrten pro Jahr seien rund 10 000 private Fahrten, also zum Beispiel Schüler und Gäste.

Den erwarteten Wirtschaftsaufschwung durch Olympische Spiele und die Bewerbungen stellte Grünen-Kreisrat Edwin Hertlein in Frage. »Wir hören dauernd, Olympia ist die Jahrhundertchance und schon die Bewerbung alleine würde einen Schub bringen. In Wirklichkeit haben wir jetzt schon die sechste Jahrhundertchance in 30 Jahren, also eigentlich müsste das Berchtesgadener Land schon jetzt eine Top-Wirtschaftsregion sein.« Tatsächlich sei der Landkreis nach wie vor Schlusslicht in Oberbayern, Berchtesgaden und Schönau am Königssee würden zu den Gemeinden mit den meisten Schulden zählen.

2002: Wo war da eigentlich Olympia?

Eine Besucherin aus Bischofswiesen hat Angst, dass ohne Olympische Spiele viele Infrastruktur-Vorhaben wie Straßenausbau auf der Strecke bleiben. »Die Politik ist ja für Olympia. Wenn wir jetzt dagegen sind, lassen uns die dann mit allem anderen hängen?« Die Befürworter erklärten, dass die Olympischen Spiele keinen Straßenausbau brauchen, allerdings ist im Konzept vorgesehen, dass laufende Projekte wie zum Beispiel der Ausbau der Autobahn dann vorrangig behandelt werden.

Manfred Leubner von den Grünen im Berchtesgadener Gemeinderat stellte die behauptete Werbewirkung der Spiele für Berchtesgaden infrage. »2010 waren die Olympischen Spiele in Vancouver. Wo waren die Rodelwettbewerbe, weiß das jemand? 2006 in Turin – wo wurde gerodelt? Und, 2002, wo waren da eigentlich die Olympischen Winterspiele?« Außer dem Tisch mit rund zehn Olympia-Befürwortern wusste niemand eine Antwort auf diese Fragen. Michael Hudelist