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Woher das Hotel »Zum Türken« seinen Namen hat – Eigentümer war zunächst Hitlerfan

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Obersalzberg: 3,65 Millionen Euro für Hotel "Zum Türken" mit brisanter NS-Geschichte | Berchtesgaden
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Das Hotel »Zum Türken« liegt nur wenige Meter oberhalb des damaligen »Berghofs« von Adolf Hitler. Das Gebäude soll für 3,65 Millionen Euro verkauft werden. (Fotos: Christian Wechslinger)

Berchtesgaden – Ausgerechnet auf dem Obersalzberg, wo die Nationalsozialisten um Adolf Hitler von 1933 bis 1945 ihre menschenverachtende Arier-Ideologie entwarfen, auf deren Grundlage sie große Teile Europas in Schutt und Asche legten, hielt sich über Jahrhunderte bis heute ein Hausname mit orientalischem Klang.


Das heutige Hotel »Zum Türken«, das aktuell für 3,65 Millionen Euro verkauft werden soll, hieß schon vor Jahrhunderten »Türkenhäusl«. Kreisheimatpfleger Johannes Schöbinger kennt die ganze Geschichte des Hauses, das nur wenige Meter oberhalb von Hitlers damaligem »Berghof« liegt (zu unserem ersten Bericht).

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Auf alten Karten vom Salzberg findet man dort ursprünglich das »Jakobsbichl-Lehen«; es wurde um 1630 erbaut, wahrscheinlich im Zusammenhang mit einer Grund- oder Güterteilung.

Zur Namensgebung tradiert die Hausgeschichte folgendes: Ein Bewohner/Insasse des vorgenannten Jakobsbichl-Lehens zog 1683 in den »Großen Türkenkrieg« unter dem bayerischen Kurfürsten Max Emanuel, einem Vetter des damaligen Berchtesgadener Fürstpropstes Maximilian Heinrich von Bayern, zugleich Kurfürst und Erzbischof von Köln.

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Seit 1911 ziert dieses Gemälde die Hausfassade des Hotels »Zum Türken«: Es zeigt einen türkischen Krieger auf dem Pferde, darunter eine orientalische Ansicht mit Minarett. (Fotos: Johannes Schöbinger)

Das »Türkenhäusl«

Nach siegreicher Beendigung des Türkenkrieges kam jener Bewohner mit sicher reicher türkischer Beute wieder auf den »Salzberg« zurück und wurde nur noch der »Türke« genannt. Das Anwesen hieß von nun an das »Türkenhäusl« beziehungsweise »Türkengütl«.

Im Laufe der Zeit, Berchtesgaden war inzwischen Teil der Königreichs Bayern geworden, und mit beginnendem Tourismus am Obersalzberg wurde aus dem Bauernlehen unter neuen Besitzern eine zunächst zusätzliche kleine Herberge zur Sommerfrische. Die bekannte Pension Moritz (später Platterhof) von Mauritia Mayer befand sich in unmittelbarer Nähe.

Besitzer waren unter anderen Franz und Anna Koppenleitner (1891 bis 1902) und General Viktor von Liegnitz (1902 bis 1911). Am 27. September 1911 kauften Karl Schuster und seine Frau Anna das »Türkenhäusl auf dem Jakobsbichl« für 8 000 Goldmark. Die Schusters investierten viel Geld in An- und Umbau zu einem Gasthof beziehungsweise einer Hotelpension. Dabei wurde das originäre »Türkenhäusl« baulich integriert.

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Auch Bergsteiger- und Filmemacherlegende Luis Trenker trug sich in das Gästebuch des Hotels »Zum Türken« ein.

Münchner Maler kreiert Hauszeichen

Von einem Münchner Maler (Hausgast) ließ sich Karl Schuster ein zum Hausnamen passendes Hauszeichen anfertigen. Es ziert noch heute die Vorderfront des Hotels und zeigt einen türkischen Krieger auf dem Pferde, darunter eine orientalische Ansicht mit Minarett. Zu den Gästen im »Türken« zählten vor allem Sommerfrischler aus den Großstädten des ehemaligen Deutschen Reiches, aber auch viele europäische Ausländer und US-Amerikaner. Im Gästebuch findet sich unter dem 6. August 1933 ein origineller Eintrag von Luis Trenker.

Karl Schuster war ein vielseitig tätiger Unternehmer, spielte Zither, war Bergführer, Kunstmaler, Holzschnitzer, Feuerwehrmann; also der allseits bekannte »Türkenwirt« am Obersalzberg. Er war sehr früh NSDAP-Mitglied geworden und als solches Gemeinderat in Salzberg. Er gehörte zu den Salzberger Gemeinderäten, die für den neuen Reichskanzler und Nachbarn auf dem Obersalzberg, Adolf Hitler, die gemeindliche Ehrenbürgerschaft beantragt hatten.

Verkauf an Martin Bormann

Ironie des Schicksals oder der Geschichte: All das half nichts. Schon im Spätsommer 1933 war Karl Schuster massiven Repressalien ausgesetzt. Das Hotel »Zum Türken« wurde von SA-Posten abgeriegelt und der Betrieb sabotiert. Schließlich kam Schuster der ultimativen Forderung von Reichsleiter Martin Bormann nach und verkaufte sein Anwesen »aus Gründen der Sicherheit des Reichskanzlers Adolf Hitler freiwillig« an Bormann. Schuster musste den Obersalzberg verlassen und verstarb 1934 nur 56-jährig am Chiemsee.

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Den Antrag auf Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers unterzeichnete auch Karl Schuster.

1935/36 wurde der »Türken« aus- und umgebaut und diente seither als Zentrale für den Reichssicherheitsdienst (RSD). Am 25. April 1945 wurde das Gebäude beim Bombenangriff auf den Obersalzberg ebenfalls schwer beschädigt. Ab 1948 folgten langwierige und schwierige Verhandlungen mit dem Freistaat Bayern wegen der Rückgabe des »Türken« an die Erben im Sinne der Wiedergutmachung. Der Vergleich wurde im Dezember 1949 abgeschlossen und das Hotel »Zum Türken« einschließlich der Bunkeranlagen an die Erben von Karl Schuster zurückgegeben. Der »Türken« ist mittlerweile das älteste Gebäude am Obersalzberg.

Bisherige Berichterstattung:

Johannes Schöbinger/red

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